…weil Sie ja nicht arbeiten können…

Bei meinen Schulbesuchen mit dem GIPS-Projekt (Gehandicapped Informationsprojekt Schule) erlebe ich nicht immer nur Positives. Manchmal erschrecke ich mich regelrecht, welche uralten Klischees und Vorurteile die 11 bis 13jährigen Sechstklässler*innen im Kopf haben.

 

Wir besuchen jede Klasse zweimal. Der erste Termin ist eine Art Erlebnisparkur, wo die Kinder an verschiedenen Stationen lernen, wie z.B. Rollstuhlfahren, Orientierung mit dem Langstock oder Schreiben und Lesen der Brailleschrift funktionieren. Beim zweiten Termin gibt es Gesprächsrunden, wo die Schüler*innen uns, den Expert*innen für Behinderung, Löcher in den Bauch fragen dürfen. In den Fragerunden sind manche Klassen unglaublich interessiert und stellen sehr spannende, kreative Fragen. Andere sind eher einfallslos und wir müssen uns schon fast anstrengen, um überhaupt ein Gespräch in Gang zu halten. Letztes Mal hatte ich ziemlich uninspirierte und nur mäßig interessierte Kinder vor mir sitzen, die so gut wie keine Fragen vorbereitet hatten und denen auch im Gespräch spontan nur wenig einfiel. Das erstaunte und enttäuschte mich ein Wenig, weil die selbe Klasse beim Erlebnisparkur sehr gut mitgemacht hatte und ich viele spontane Fragen unter Verweis auf den Gesprächsrundentermin abwehren musste.

 

Kinder fragen mich oft, was ich arbeite bzw. womit ich mein Geld verdiene und wie ich mit dem Computer zurechtkomme. Ich erkläre ihnen dann, was ich tue, erzähle ihnen etwas über Text, Öffentlichkeitsarbeit, Übersetzung, Sprachausgaben und Braillezeilen. Meistens sind die Kinder dann fasziniert von den Hilfsmitteln und Möglichkeiten. Für die Meisten ist es selbstverständlich, dass auch Menschen mit Behinderung irgendwie ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Sie können sich verständlicherweise nur oft nicht vorstellen, wie das funktioniert.

 

Eine der wenigen Fragen, die die Kinder beim letzten Mal stellten, ging in eine ähnliche Richtung, beschäftigte mich aber für den Rest des Tages. Was mich so schockierte, war die Formulierung. Ein Junge fragte mehr oder weniger wörtlich, ob mir Leute Geld spenden würden, weil ich ja nicht arbeiten könne. Das war beinahe ein Schlag ins Gesicht, denn sofort hatte ich das Bild eines hilflosen, um Almosen bettelnden blinden Menschen im Kopf, der nur durch das Mitleid und die Gnade der vermeintlich normalen Menschen überleben kann. So eingeschätzt zu werden, selbst wenn es noch so unbewusst und ohne böse Absicht passiert, ist schmerzhaft. Ich empfand diese Frage nicht als persönliche Beleidigung oder Diskriminierung gegen mich. Viel eher hatte ich das Gefühl, dass alle blinden oder alle behinderten Menschen in den Augen dieses Jungen auf einer vollkommen anderen Stufe standen als die nichtbehinderten. Er hielt uns alle pauschal für hilflos, abhängig und meinem Empfinden nach für minderwertig. Das mag an mangelnder Vorstellungskraft liegen, es muss aber zu großen Teilen auch ein Produkt seiner Erziehung und Erfahrungswelt sein. Dieser Junge hatte Menschen mit Behinderung offenbar immer nur als passiv erlebt und von seinem Umfeld gelernt, dass sie zwangsläufig unfähig und unselbstständig sind.

Natürlich nutzte ich die Gelegenheit, um die Kinder darüber aufzuklären, dass sie mit dieser Einschätzung völlig daneben lagen. Überrascht und konsterniert, wie ich war, fiel mir eine entsprechende Reaktion nicht schwer. Ich erzählte den Kindern, was ich mache, wie ich es mache und dass blinde Menschen, wie alle anderen Auch, irgendwie ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Für eine wirklich ausführliche Erklärung fehlte aber leider die Zeit und letztlich war die Aufmerksamkeitsspanne der Kinder auch nicht ausreichend. Ich ging deshalb mit einem sehr faden, unzufriedenen Gefühl aus dieser Klasse.

 

Ich hoffe sehr, dass ich dennoch in den Köpfen dieser Kinder und besonders im Kopf des einen Jungen etwas in Bewegung gesetzt habe. Ich möchte aber hier eindringlich an alle Eltern, Lehrer*innen und auch an alle Menschen mit Behinderung selbst appellieren: Vermittelt Euren Kindern, Euren Schüler*innen, Euren Freundeskreisen und Eurer Verwandtschaft, dass Menschen mit Behinderung genauso produktive Mitglieder der Gesellschaft sind wie Menschen, die vermeintlich keine Behinderung haben. Menschen mit Behinderung können und sollten genauso aktiv, selbstbestimmt und selbstbewusst leben, wie alle anderen. Dieses Bild zu vermitteln, steigert nicht nur den Respekt gegenüber behinderten Menschen sondern auch ihre eigene Motivation. Jeder Mensch braucht das Gefühl der Selbstwirksamkeit, also das Gefühl, selbst etwas bewirken, schaffen und erreichen zu können. Wenn alle Menschen von einer Person mit Behinderung automatisch nur Passivität und Abhängigkeit erwarten, entsteht nie dieses bestärkende und positive Gefühl sondern die Person wird förmlich in die Abhängigkeit gedrängt. Allen Seiten ist gedient, wenn solchem unterschwellig diskriminierenden Denken entgegengewirkt wird – entweder, indem mensch mit positivem Beispiel vorangeht und beweist, wie produktiv und aktiv mensch unabhängig von einer Behinderung sein kann, oder, indem mensch den eigenen Umgang und das eigene Sprechen über Menschen mit Behinderungen überdenkt und ggf. ändert.

 

Macht niemals den Fehler, die Grenzen Eurer Vorstellungskraft für die Grenzen der Welt zu halten!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.