Die Qual der Wahl

In alltäglicher Kommunikation sind zu viele Informationen gleichzeitig oft überfordernd. Weniger wäre meistens mehr. Durch meinen Drang, alles zu verbalisieren und zu erklären, erzeuge ich bei Anderen leider oft selbst diese Überforderung. Ich bin aber lernwillig und dankbar für konstruktive Kritik. Daraus ziehe ich u.a. den Stoff für diesen Beitrag.

 

Die einfachste Regel, um im Alltag niemanden mit dem eigenen Mitteilungsbedürfnis zu überrollen, ist die Vermeidung von mixed Messages. Normalerweise habe ich das im Kopf, wenn ich über Öffentlichkeitsarbeit zu Protestaktionen oder Demos nachdenke. Bei solchen Dingen ist es wichtig, sich auf eine Botschaft zu konzentrieren und nicht zu viele andere Botschaften hineinzumischen. Wenn ich die Gefahren des Klimawandels durch die Verbrennung fossiler Energieträger erklären will, hat es keinen Sinn, auch noch ein paar Anti-Atomkraft-, Anti-Atomwaffen- und Anti-Kriegs-Botschaften hineinzumischen, selbst wenn diese Themen irgendwie miteinander verknüpft sind. Dann blickt niemand mehr durch und bei der Zielgruppe kommt nur weißes Rauschen an.

 

Ganz genauso funktioniert es im Kleinen. Wenn ich aus irgendwelchen Gründen während eines Gesprächs über Urlaubsplanung plötzlich denke, dass wir keine Zahnbürsten mehr haben, und mich frage, ob mein Partner schon welche gekauft hat oder sie auf die nächste Einkaufsliste müssen, sollte ich den Gedanken in diesem Moment tunlichst für mich behalten. Es gehört nicht zum gerade aktuellen Thema, es lenkt ab und verwirrt, weil es eben völlig ohne Bezug aus dem luftleeren Raum kommt. Meine Assoziationsketten sind nicht direkt ein luftleerer Raum, aber für mein Gegenüber sind sie ein ähnlich unwirtliches Terrain, solange ich sie nicht erkläre. Und wenn ich sie erklären würde, käme das Gespräch noch weiter vom Thema ab und mein Gegenüber wäre vollends durcheinander. Um Unmut zu vermeiden, achte ich daher sehr genau darauf, nicht zu viele Themen gleichzeitig in die Diskussion zu werfen. Das gibt auch meinem eigenen Denken mehr Struktur, weil ich mich nicht durch jeden vorbeifliegenden Gedanken aus der Bahn werfen bzw. ablenken lasse. Wenn meine zwischendurch aufblitzenden Gedanken wichtig sind, muss ich sie mir eben merken, notieren oder als nächsten „Tagesordnungspunkt“ anmelden – für mein Gegenüber und mich vermeidet es in jedem Fall Kuddelmuddel und daraus resultierende Genervtheit. Ich frage nur nach Zahnbürsten, wenn der Zahnbürstenkontext da ist, also entweder morgens im Badezimmer – wo ich allerdings auch selbst herausfinden kann, ob es noch Zahnbürsten gibt – bei der Einkaufsplanung oder im Supermarkt vor dem Zahnbürstenregal.

 

Bei der zweiten Regel geht es darum, wie mensch Entscheidungsfragen stellt. Ich will beispielsweise wissen, ob mein Partner sehr beschäftigt und in seine Arbeit vertieft ist oder ob er Pause machen und mit mir und den Hunden spazierengehen möchte. Vielleicht gibt es sogar noch mehr Möglichkeiten – erst etwas essen oder unterwegs etwas kaufen, in den Park gehen oder nur um den Block etc.pp.. In der Vergangenheit ging ich immer davon aus, dass Menschen am besten Entscheidungen treffen können, wenn sie alle Optionen kennen und ich meine verschiedenen Ideen so klar und differenziert wie möglich darlege. Außerdem fand ich es immer wichtig, zu signalisieren, dass mir die verschiedenen Möglichkeiten bewusst sind und dass ich Verständnis für verschiedene Varianten habe. Ich wollte ja nicht bevormundend oder ignorant wirken. Um diesem Anspruch an mich selbst gerecht zu werden, müsste ich also alle möglichen Vorgehensweisen aufzählen und beschreiben, à la „Willst du Dies, Das, Jenes oder Welches?“ – so wäre totale Transparenz und Entscheidungsfreiheit gewährleistet. Abgesehen davon, dass ich in diesem Fall ziemlich viel und lange reden müsste, bis ich überhaupt mit der Aufzählung aller Möglichkeiten fertig wäre, erschwere ich damit aber eigentlich die Entscheidung meines Gegenübers. Ich gebe ihm so viele Optionen, dass die Entscheidung zu einem unübersichtlichen Dschungel wird. Wenn ich einfach nur fragen würde „Möchtest du Pause machen und mit raus gehen?“, wäre die Frage einfach mit „ja“ oder „nein“ zu beantworten – kein großer gedanklicher Aufwand. Alle weiteren Fragen ergeben sich dann und können nacheinander statt gleichzeitig abgearbeitet werden.

 

Das, was ich in abstrakten Diskursen so wichtig finde, nämlich Transparenz und umfassende Information, ist in kleinen, alltäglichen Abläufen sehr oft hinderlich. Es bremst aus, blockiert und frustriert, wenn mensch sich bei jeder kleinen Entscheidung durch einen Wust verschiedener Optionen kämpfen muss. Ich funktioniere genauso, wenn ich z.B. eine Speisekarte mit vielen ungefähr gleich gut klingenden Gerichten vor mir habe. Ich brauche dann eine Entscheidungshilfe wie „Welches Gericht ist am billigsten?“ oder „Was bestellt meine Begleitung, damit wir keine zu ähnlichen Dinge aussuchen und Probierhäppchen austauschen können?“. Habe ich keine derartige Entscheidungshilfe, kann ich an solchen Situationen verzweifeln. Insofern habe ich vollstes Verständnis dafür, wenn mein Partner mich immer wieder darauf hinweist, wenn ich „entweder oder“-Fragen stelle und ihn mit zu vielen Optionen überfordere

 

Dan Gilbert beschreibt in seinem TED Talk „The surprising science of happiness“, dass es sogar für unsere Zufriedenheit eine entscheidende Rolle spielt, ob wir die Wahl zwischen verschiedenen Optionen haben oder ob wir uns mit einem Umstand arrangieren müssen. Interessanterweise sind Menschen in objektiv betrachtet sehr negativen Lebenssituationen, die sie einfach ereilen, zufriedener als Menschen, die sich zuvor zwischen mehreren Varianten entscheiden konnten. Entscheidungsfreiheit verhindert, dass wir Zufriedenheit synthetisieren. Wenn wir uns einmal für etwas entschieden haben, zweifeln wir trotzdem immer wieder daran, dass die Entscheidung richtig war. Wir fragen uns, ob nicht vielleicht doch eine andere Alternative besser gewesen wäre. Damit entwerten wir nach und nach unsere eigene Entscheidung. Haben wir keine Wahl und müssen uns einfach mit einer Situation abfinden, synthetisiert unser Gehirn sehr effektiv Zufriedenheit mit der unausweichlichen Situation. Das passiert so automatisch und unbewusst, dass es sogar bei Aphasiepatient*innen, also Personen ohne Kurzzeitgedächtnis, zuverlässig funktioniert.

Auch hier passt das Speisekartenbeispiel. Wenn ich mich zwischen mehreren gleich guten Optionen entscheiden muss, höre ich während des gesamten Restaurantbesuchs nicht auf zu zweifeln, ob ich nicht doch das andere Gericht hätte bestellen sollen. Jede Winzigkeit, die mich an dem Essen auf meinem Teller stört, befeuert diese Zweifel und suggeriert mir, dass das andere Gericht garantiert besser gewesen wäre. So erzeuge ich bei mir selbst Unzufriedenheit – hätte ich keine Wahl, würde ich mir eher das Unvermeidliche schönreden, was mich zufriedener machen würde.

 

Ich will damit nicht sagen, dass wir unsere Gesprächspartner*innen ab jetzt nur noch vor vollendete Tatsachen stellen sollten, weil synthetisierte Zufriedenheit immer besser wäre als die Freude über eine richtige Entscheidung. Natürlich gibt es auch Situationen, in denen mensch tatsächlich glücklich mit dem ist, für das mensch sich zuvor aus freien Stücken entschieden hat. Einfacher ist das aber im Alltag allemal, wenn die Menge von Optionen so weit wie möglich eingeschränkt wird – immer unter der Voraussetzung, dass dennoch Gegenvorschläge und alternative Ideen willkommen sind.

 

Natürlich gibt es noch viel mehr Regeln für klare Kommunikation. Wenn es darum geht, Andere nicht zu verwirren und ihnen Entscheidungen nicht unnötig schwer zu machen, ist die Vermeidung von mixed Messages und „entweder oder“-Fragen aber schon ein guter Anfang. Vor dem Hintergrund, dass wir so sogar die Zufriedenheit anderer Menschen gezielt beeinflussen können, scheinen diese Regeln sogar recht essentiell zu sein.

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