Ein Tabubruch gegen den Paternalismus

Die erste Nachricht, die ich vor ein paar Tagen morgens las, war  mal wieder ein Trump-Aufreger – ein sehr vorhersehbarer und bei Weitem nicht der krasseste, aber dennoch ein Thema, das mich aus gegebenem Anlass tangiert. Trump hat alle finanziellen Unterstützungen für Organisationen gestrichen, die im Ausland Schwangerschaftsabbrüche anbieten. Damit macht er eine weitere von Obama eingeführte Verbesserung rückgängig, denn zuvor unter Bush und seinen Vorgängern wurden solche Mittel ebenfalls nicht gezahlt. Dass Trump als erklärter Abtreibungsgegner, Sexist und Frauenhasser so agieren würde, war klar. Dennoch bin ich jedes Mal konsterniert, wenn ich solche Nachrichten lese. Ich rechne damit, dass von Trump in dieser Hinsicht noch wesentlich mehr Restriktionen zu erwarten sind. Bislang sind Schwangerschaftsabbrüche in den USA bis zur Lebensfähigkeit des Kindes zulässig, allerdings können die Bundesstaaten eigene Regelungen treffen. Zusätzlich setzen starke, teils militante Proteste von Abtreibungsgegner*innen sowohl Kliniken und Ärzt*innen als auch ungewollt schwangere Frauen unter hohen Druck. Trump reiht sich nahtlos in diesen wachsenden Druck ein, indem er ankündigt, Abtreibung in den USA unter Strafe zu stellen.

In den meisten Staaten Europas sind Schwangerschaftsabbrüche durch Fristenregelungen, Beratungszwang und bestimmte Indikationen bis zu unterschiedlichen Schwangerschaftswochen straffrei. In Polen konnte letzten Herbst durch große Proteste eine Verschärfung des Abtreibungsrechts abgewendet werden, in Ungarn sind Abtreibungen aber de Facto verboten. Im erzkatholischen Irland sind nach langen Jahren eines vollständigen Verbots Schwangerschaftsabbrüche seit 2013 nur dann erlaubt, wenn akute Lebensgefahr für die Schwangere besteht. Sehr viele Irinnen reisen daher für einen Abbruch in Länder mit weniger restriktiven Regelungen. In der Türkei, mit der die EU immernoch in – wenn auch auf Eis liegenden – Beitrittsverhandlungen steckt, wurde ein faktisches Abtreibungsverbot 2012 ebenfalls durch Proteste abgewendet, aber Frauen brauchen dort die Einwilligung ihres Ehemanns oder eines anderen gesetzlichen Vertreters.

Die deutsche Rechtslage und Praxis kenne ich sehr genau. Ich weiß, wie eine nach § 218a Abs. 1 StGB vorgeschriebene Schwangerschaftskonfliktberatung abläuft. Ich weiß, wie sich die ebenfalls vorgeschriebenen drei Tage Bedenkzeit nach dieser Beratung anfühlen, wenn frau sich auch vor der Beratung schon komplett sicher war, und ich weiß, wie befreiend und wunderbar das Gefühl ist, ohne Alien im Bauch aus der Narkose aufzuwachen. Sowohl für mich als auch für meinen Partner war klar, dass wir es mit unseren Gewissen nicht vereinbaren konnten, ein Kind in die heutige Welt mit all ihren Katastrophen und Negativentwicklungen zu setzen. Die Verantwortung für ein neues Lebewesen, dessen Welt sich von Anfang an auf einer unabwändbaren Abwärtsspirale bewegen würde, passte absolut nicht in unser Konzept eines sinnvollen und angenehmen Lebens. Neben einigen handfesten, gesundheitlichen Gründen gegen eine Schwangerschaft hatten wir auch keinerlei Kinderwunsch sondern eher Abscheu und Widerwillen gegen die ganze Idee. Wir mussten keine Sekunde lang diskutieren, um uns einig zu sein. Dementsprechend erleichtert waren wir Beide, als der Spuk vorbei war.

Das wirklich nette und offene Beratungsgespräch hatte ich über mich ergehen lassen und meine Beweggründe erklärt. Dabei war ich, obwohl es eine kirchliche Beratungsstelle war, zum Glück nicht auf Überzeugungs- oder Überredungsversuche gestoßen. Das mag in anderen Fällen anders aussehen. Bedenkzeit ist sicherlich meistens sinnvoll. Bei mir war es einfach nur ein überflüssiges auf-die-Folter-spannen. Eigentlich sollte idealerweise jeder Frau zugetraut werden, selbst einzuschätzen, wie viel Rat und Bedenkzeit sie braucht. Zwangsberatungen sind entwürdigend, auch wenn sie noch so freundlich ablaufen, und mensch fühlt sich doch ein wenig für dumm verkauft.

Die Erfahrung als solche war für mich nicht negativ sondern in erster Linie spannend. Aber ich spüre seitdem eine unmittelbare Solidarität mit all den Frauen, die es anders erleben oder die gar keine legale und sichere Chance bekommen, einen solchen Schritt zu gehen. Meine Wut auf die patriarchalen Paternalist*innen wächst immer weiter, die glauben, Frauen vorschreiben zu können, was sie zu tun und zu lassen haben. Frauen sind keine Gebärmaschinen und kein Eigentum der Gesellschaft oder irgendeines diffusen und verfehlten Volkskörpers. Frauen müssen genau wie Männer frei darüber entscheiden dürfen, was mit ihrem Körper und ihrer Lebenszeit passiert. Es geht schließlich nicht nur darum, 9 Monate lang ein Alien im Bauch mit sich herumzutragen, sondern auch, dann für den mutmaßlichen Rest des eigenen Lebens die Verantwortung, Fürsorge, Kosten und Einschränkungen des Elterndaseins an der Backe zu haben. Wenn mensch das will, ist es sicherlich etwas Schönes, aber wenn mensch es nicht will oder welche Gründe auch immer dagegensprechen, darf niemand dazu gezwungen werden. Selbst, wenn die Schwangerschaft nur aus einem blöden Missgeschick entstanden ist, kann das unzumutbar sein. Wenn eine Schwangerschaft Ergebnis von Missbrauch oder einer Vergewaltigung ist, hat die Möglichkeit eines Abbruchs unstrittig zu sein. Radikale Lebensschützer*innen und religiöse Fundamentalist*innen wollen aber selbst dann Abtreibungen verbieten, weil sie das Leben des ungeborenen Kindes wertvoller finden als das Leben und die psychische Gesundheit der Mutter.

Was ist überhaupt dieses Leben? Ich habe mich in meinem Studium vor vielen Jahren eingehend mit Bioethik und auch speziell mit dem Thema Abtreibung beschäftigt. Solange ein Embryo weder Bewusstsein noch Schmerzempfinden hat, sehe ich ihn nur als Lebens-Vorstufe. Menschen töten aus wesentlich niedrigeren Beweggründen wesentlich höher entwickelte, bewusstere und schmerzempfindlichere Lebewesen – meist, um sie schlicht und einfach aufzuessen. Wieso sollten Menschen also ein noch komplett unempfindliches und unbewusstes Lebewesen, dessen Weiterentwicklung ihr eigenes Leben u.U. massiv beeinträchtigen würde, nicht töten dürfen? Wieso, vor allem, sollten sie darüber nicht zumindest selbst entscheiden dürfen? Die Frau ist ein erwachsener, bewusster, abwägungs- und entscheidungsfähiger Mensch – im philosophischen Sinne eine Person. Der Embryo hat noch gar keine eigenen Interessen. Irgendwann wird er eigene Interessen und Gedanken entwickeln, wenn er ungestört wachsen kann. Aber solange das alles Zukunftsmusik ist, wiegen die bestehenden Interessen und Bedürfnisse der Frau meiner Meinung nach viel schwerer. Ja, ich bin mit dieser Ansicht durchaus in der Nähe des radikalen Ethikers Peter Singer angesiedelt. In vielen Dingen stimme ich ihm nicht zu bzw. seine Ideen sind für mich ewige Baustellen, zu denen meine Meinung sich hin und wieder ändert. In diesem Punkt teile ich aber seinen Präferenzutilitarismus. Im Gegensatz zur schwangeren Frau ist der Embryo ohne Selbstbewusstsein noch keine Person. Wessen Präferenzen wiegen hier also schwerer, die einer Person oder die einer völlig unbewussten und empfindungsunfähigen Vorstufe?

Ich habe damals nur wenigen Menschen von meinem Schwangerschaftsabbruch erzählt. Einige, auch mir sehr nahestehende Menschen, werden davon erst aus diesem Blogbeitrag erfahren und schockiert sein. Dementsprechend lange habe ich mit der Frage gehadert, ob ich einen solchen Beitrag veröffentlichen soll oder nicht. Ich tue es nun, weil ich den Eindruck habe, dass gesellschaftliche Stimmungen und Wertesysteme sich zur Zeit in eine sehr ungute Richtung entwickeln. Es gibt in vielen Bereichen Rückschritte, Einschränkungen und einen wachsenden Konservatismus. Trump ist das Symptom, das mit dem Holzhammer daherkommt, aber auch viele subtilere Symptome sind sicht- und spürbar. Dagegen hilft nur aufstehen, Farbe bekennen und argumentieren. Verschweigen bringt überhaupt nichts, denn es zementiert Stigmatisierung und Heimlichtuerei.

Tabubrüche helfen, Veränderungen anzustoßen. Das hat schon am 6. Juni 1971, zehn Jahre vor meiner Geburt, die Zeitschrift Stern bewiesen. In deren Titelstory „Wir haben abgetrieben“ bekannten sich 374 prominente und nicht prominente Frauen, eine Schwangerschaft abgebrochen und sich somit rechtswidrig verhalten zu haben. Auf diese Weise holten sie das Thema in den offenen Diskurs und kippten letztlich das Abtreibungsverbot des damaligen § 218 StGB. Ich möchte mich 46 Jahre nach dieser Aktion indirekt einreihen, ein immernoch bestehendes Tabu brechen und öffentlich für das Recht jeder Frau auf physische und psychische Selbstbestimmung eintreten. Das tue ich hier, indem ich meine Geschichte erzähle und meine Beweggründe darlege. Ich stehe zu diesem Schritt und habe nie daran gezweifelt – also gibt es keinen Grund, das nicht auch öffentlich zu bekennen.

4 Gedanken zu “Ein Tabubruch gegen den Paternalismus

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