Pressefreiheit und Demokratie

Letzten Samstag war ich zum Glück sehr abgelenkt und konnte Trumps Inauguration nicht verfolgen. Essen ist grüne Hauptstadt 2017 und die Eröffnungsfeier fand Samstag Nachmittag statt. Als professioneller Schreihals war ich natürlich dort, um den städtischen Verantwortlichen ins Gewissen zu reden. Einer grünen Hauptstadt steht es nicht sonderlich gut zu Gesicht, im großen Stil Aktien eines Energiedinosauriers wie RWE zu halten und vom Anheizen des Klimawandels zu profitieren.

 

Es erschienen zwei Presseartikel in der WAZ und auf derwesten.de über die Veranstaltung und die Proteste – nicht unbedingt komplett brillianter Journalismus, aber wir waren zufrieden. Unsere Forderungen wurden deutlich kommuniziert, wie es sein soll. Die Aktion machte wirklich Spaß und alle Divest-, Fossil Free- und Greenpeace-Menschen gingen mit einem bestärkten und positiven Gefühl nach Hause.

 

Im Nachgang der Aktion und unter dem Eindruck der Berichterstattung über Trumps erste Stunden im Präsidentenamt der USA machte ich mir meine Gedanken über die Rolle der Medien in einer demokratisch verfassten Gesellschaft. Ich bin Teil der schreibenden Zunft, versorge regelmäßig Presse, Funk und Fernsehen mit aktuellen Infos und weiß die Arbeit der Medien in der Regel sehr zu schätzen. Ich bin mit dem sicheren Wissen aufgewachsen und in diese berufliche Richtung gegangen, dass Medien so transparent und neutral berichten sollten, wie es nur geht. Die Medien sind das Korrektiv, das es der breiten Masse ermöglicht, ihre demokratischen Entscheidungen zu überprüfen. Menschen wählen Vertreter*innen, die in den Parlamenten ihre Interessen und Ziele vorantreiben sollen. Damit sie wissen, ob das klappt oder ob sie beim nächsten Mal vielleicht doch besser anderswo ihr Kreuzchen machen, gibt es die freie, unzensierte und möglichst objektiv berichtende Medienlandschaft. Natürlich gibt es Qualitätsunterschiede und manche Medien bekommen das mit der Objektivität und Neutralität nicht immer hin. Natürlich sitzen Menschen in selbst gebauten Filterblasen, weil sie mit Vorliebe die Medien verfolgen, die ihre vorgefassten Meinungen oder ihre bestehenden Überzeugungen bestätigen. All das macht aber nichts aus, solange es eine breite, bunte Vielfalt verschiedener Medien gibt, die das schreiben und senden dürfen, was sie selbst unter Berücksichtigung aller ethischen und ehrlichen Kriterien für die Wahrheit halten. Diese Vielfalt verzeiht Fehler, denn wenn sich mal ein einzelner Medienmensch irrt oder übers Ziel hinausschießt, wird das durch den Rest und das entstehende Gesamtbild relativiert.

 

Problematisch und gefährlich wird es, wenn Medien nicht mehr nach ihren eigenen Eindrücken und Kriterien verfahren dürfen. Vorgaben, Verbote und Zensur entwerten die Medien als Korrektiv, denn sie berichten dann nur noch, was ihnen vorgekaut wurde. Was Donald Trump von den Medien erwartet, ist offenbar reine Hofberichterstattung. Alles Missliebige muss ausgeblendet werden – im Zweifelsfall werden Fakten einfach „korrigiert“, bis sie dem entsprechen, was er über sich lesen will. Das gemeinsame Feindbild von Trump, AFD/Pegida, Erdogan etc., die ach so böse Lügenpresse, wird so eigentlich erst erzeugt, denn die Medien werden durch Zensur zum Lügen und Verschweigen gezwungen. Nur ist es eben genau das, was die Möchtegern-Diktator*innen und ihre Möchtegern-Gefolgschaft gerne wollen: Berichterstattung nach ihrem Geschmack, Bestätigung ihrer bestehenden Meinung, bloß keine Kritik, bloß keine Fragen.

 

Donald Trump hat unmittelbar nach seiner Amtseinführung die Webseiten des weißen Hauses vollständig von allen Verweisen auf den Klimawandel bereinigen lassen. Auf den Regierungsseiten der USA existiert dieses weltumspannende und mehr als bedrohliche Phänomen nun nicht mehr. Die Posse um die Größe des Publikums während der Inaugurationsrede ließ mich unwillkürlich an pubertierende Jungs denken, die in der Umkleidekabine die Länge und Dicke ihrer Penisse vergleichen. Von Umkleidekabinen versteht der Mann ja was, hat er gesagt. Trump ist ein Narzist, der ständig Bestätigung und Jubel braucht. Er hält sich für den Tollsten und Größten, aber er muss das auch permanent bestätigt bekommen. Er bedroht und unterjocht die Medien, lässt seine Sprecher*innen offensichtlichen Unsinn verbreiten und macht sich so die Welt, wie es ihm gefällt. Pippi Langstrumpf läuft im weißen Haus Amok.

 

Durch die Realitätsverzerrung, die zensierte und in Angst versetzte Medien logischerweise erzeugen, gerät die Demokratie auf eine rasante Abwärtsspirale. Die Kontrolle der Bevölkerung gegenüber den politischen Amtsträger*innen wird annähernd unmöglich gemacht, wenn mensch sich nicht mehr auf die objektive Berichterstattung der Medien verlassen kann. So werden aus Möchtegern-Diktator*innen unter Umständen sehr schnell echte Diktator*innen – zumindest, wenn die Gesellschaft auf ihre Zensur, ihre Lügen und ihre Ignoranz gegenüber Fakten hereinfällt. Leute, seid verdammt nochmal wachsam.

 

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