Mein Haustier, der Engländer

Meistens sprechen mein Partner und ich Deutsch miteinander. Das liegt vor allem daran, dass wir in Deutschland sind, er sich seit 20 Jahren an diese Sprache gewöhnt hat und ich mein gesprochenes Englisch für eine Vollkatastrophe halte. Ich habe vom 5. bis zum 13. Schuljahr durchgängig Englisch gelernt, in der Oberstufe im Leistungskurs. Im Studium habe ich wissenschaftliche Literatur auf Englisch gelesen und englische Hörbücher gehört. Ich kann ruhigen Gewissens sagen, dass ich ein sehr gutes Lese- und Hörverständnis habe, aber vor dem Sprechen habe ich mich immer irgendwie gedrückt. Was mensch nicht tut, übt mensch auch nicht, also darf ich mich nicht wundern, dass ich mich im Sprechen dieser Sprache nicht sicher fühle.

Er hingegen hat erst mit 30 angefangen, Deutsch zu lernen. Allerdings tat er das sehr intensiv und wendete es direkt im Alltag an, da er gerade frisch nach Deutschland ausgewandert war. Er mied gezielt den Kontakt zu englischsprachigen Menschen, um sein Deutsch zu verbessern – vor allem das gesprochene. Er macht sowohl mündlich als auch schriftlich bestimmte Fehler, aber die tun der Verständlichkeit normalerweise keinen Abbruch. Ich habe mich inzwischen so daran gewöhnt, dass mir viele Fehler gar nicht mehr als solche auffallen und ich als deutsche Muttersprachlerin fast schon geneigt bin, sie selbst auch zu machen.

Wir haben ein enges Verhältnis zur Sprache der/des jeweils Anderen, denn wir Beide übersetzen Texte aller Art von dieser Sprache in unsere jeweilige Muttersprache. Irgendwann haben wir uns gegenseitig darum gebeten, die/den Anderen auf Fehler in der jeweiligen Fremdsprache hinzuweisen. Uns gegenseitig zu korrigieren, ist eigentlich nicht schwer – wir fühlen uns dabei nicht destruktiv oder unfair sondern uns ist klar, dass derartige Kritik konstruktiv und hilfreich ist. Dennoch fiel mir irgendwann auf, dass ich viele seiner Fehler nicht bemängele. Bei vielen Dingen liegt das am schon erwähnten Gewöhnungseffekt – ich höre die Formulierungen ständig und nehme sie gar nicht mehr als falsch war.

Zum Teil liegt es aber auch daran, dass er genau die richtigen Fehler macht. Er hat, wie vermutlich die meisten Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, ein Problem mit grammatikalischen Geschlechtern, den dazugehörigen Artikeln und Pronomen. Dafür habe ich größtes Verständnis. Erstens sind die geschlechtlichen Zuordnungen bei unbelebten Gegenständen und abstrakten Konzepten wirklich willkürlich und sinnfrei. Zweitens lässt sich an den allermeisten Begriffen von der Wortform her kaum ablesen, welches grammatikalische Geschlecht sie haben. Wie soll ein vernünftiger und logisch denkender Mensch hier also Fehler vermeiden? Es gibt schlicht keine Regeln oder Strukturen. Es geht um reines, stupides Auswändiglernen, was besonders den Menschen schwerfällt, die sich logische Zusammenhänge und Begründungen wünschen.

Mit grammatikalischen Geschlechtern stehe ich auf Kriegsfuß, genauso, wie ich mit dem generischen Maskulinum auf Kriegsfuß stehe. Das ist die unsinnige Regel, dass eine Gruppe mit einem männlichen Oberbegriff bezeichnet wird, sobald auch nur ein männliches Wesen Teil dieser Gruppe ist. Aus diesem Grund sprechen z.B. immernoch sehr viele Menschen von den Studenten, wenn sie die Gesamtheit aller an einer Hochschule eingeschriebenen Personen meinen. Ob die von ihnen gemeinte Gruppe dabei aus 99 Frauen und nur einem Mann besteht, ist ihnen dabei schnurz – vermutlich würden sie sogar bei einer rein weiblichen Gruppe noch den männlichen Plural benutzen. Die deutsche Sprache hat in ihrer althergebrachten Form diese unsägliche Macke. Angesichts meiner Wut über diese Tatsache ist vielleicht verständlich, warum ich es liebe und als Bestätigung empfinde, wenn mein Partner genau in diesem Bereich massiv mit der deutschen Sprache hadert.

Einmal gab es eine Situation, in der ich ihn auf irgendeinen kleinen Fehler aufmerksam machte, der ihm ständig passiert. Ich glaube, es war etwas wie „der Monster“ in Bezug auf seinen Hund oder „der Schwein“ bezogen auf irgendein tatsächlich männliches, menschliches Arschloch. Ich sagte ihm, dass mir das schon ganz oft aufgefallen sei, dass ich es aber so nett fände, dass er es eigentlich gar nicht ändern solle. Er antwortete mit der scherzhaften Frage, ob er nur ein Haustier für mich sei, dessen niedliche Angewohnheiten ich zu meiner Zerstreuung beobachte. Nein, das ist er natürlich nicht. Ich finde viele seiner (nicht nur sprachlichen)  Eigenheiten wunderbar, genauso wie ich viele der Eigenheiten unserer Hunde großartig finde, ohne sie deshalb zu minderwertigen Lebewesen oder Gegenständen zu degradieren. Aber natürlich verstand ich den unterschwelligen Appell seines Scherzes. Wertschätzend mit einer Person umzugehen heißt, sich an Absprachen zu halten und immer so konstruktiv und hilfreich wie möglich zu sein. Wenn ich ihm also versprochen habe, ihn auf Fehler in seinem Deutsch hinzuweisen, muss ich das auch durchziehen. Vor allem muss ich es auch dann tun, wenn ich einen Fehler eigentlich liebenswert finde, denn es kann sein, dass ihm der gleiche Fehler vor anderen Menschen peinlich ist oder sogar negativ ausgelegt wird. Wenn ich ihm so viel Gutes wie möglich tun will, muss ich also so ehrlich und transparent wie möglich sein, wenn ich umgekehrt das Gleiche von ihm erwarte.

Und ich darf nicht beleidigt auf seine Kritik reagieren, wenn er mein Englisch korrigiert. Klar, manche Fehler sind mir unangenem und ich fühle mich erstmal ertappt und als Dummkopf entlarvt, wenn er mich auf einen mir dann fürchterlich blöd vorkommenden Fehler hinweist. Aber genau, wie ich ehrlich und wertschätzend mit ihm sein will, weiß ich ja, dass er das Gleiche mir gegenüber möchte. Also gibt es weder einen Grund, beleidigt oder angefressen zu sein, noch mit konstruktiver Kritik hinterm Berg zu halten. Auf Gegenseitigkeit beruhende Unterstützung beim Lernen und einer gewissen Selbstoptimierung ist unschätzbar schön.

2 Gedanken zu “Mein Haustier, der Engländer

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