Andersrum im Dekadenzbereich

Manchmal finde ich Aussagen einfach so schön und treffend, dass ich lachen muss und nicht mehr damit aufhören kann. Die Formulierung meines Partners, die den Titel für diesen Text hergibt, bescherte mir gestern einen dieser Lachanfälle. Sie bezog sich im Grunde auf das, was ich in meinem Blogbeitrag „Sperrmüll und Reichtum“ beschrieben habe. Es geht um abgedrehtes Upcycling im besten Sinne. Normalerweise bezeichnet Upcycling das Umbauen, Zweckentfremden und Aufwerten von alten Dingen wie Möbeln, anderen Gegenständen oder einfach nur Müll. Unsere Form des Upcycling ist eine sehr faule, denn wir basteln nicht großartig an Dingen herum sondern zweckentfremden sie meistens einfach unverändert.

 

Der aktuelle Trend in unserem Haushalt geht zu verdächtigen Koffern. Es gibt ihrer zwei, beide stammen von wildem Sperrmüll. Einer begegnete uns auf einer der berüchtigten Abendrunden mit den Hunden, den Anderen fand mein Partner, als er mit dem Fahrrad durch Aachen fuhr. Der erste verdächtige Koffer ist ein billiger Plastiknachbau eines Alukoffers, der vielleicht mal für einen Laptop gedacht war, vermutlich aber eher für etwas Minderwertiges, wie der Koffer selbst. Der zweite verdächtige Koffer ist etwas größer und besteht aus dünnen Pressspahnplatten, die mit schwarzem Kunstleder überzogen und mit zwei relativ ernsthaft wirkenden Schließen versehen sind. Er ist offensichtlich auf edel gemacht und hat auf dem grauen Textilinnenfutter den goldfarbenen Schriftzug irgendeiner Besteckfirma. Warum mensch einen verdächtigen Koffer für Besteck braucht, hat sich uns bis heute nicht erschlossen, aber der Koffer ist eine echte Bereicherung.

 

Nicht nur, dass er als Theater- oder Aktionsrequisite ein herrlich zwielichtiges Setting heraufbeschwört, in dem mensch das Schmiergeld, die Schmuggelware oder die Kleinkaliberwaffe förmlich riechen kann. Sein wahrer Nutzen ist viel realer und hat weder etwas mit kriminellen Machenschaften noch mit Essbesteck zu tun. Der verdächtige Koffer ist eine perfekte Abstellfläche für Dinge, wenn mensch gerade keinen Tisch in greifbarer Nähe hat, der Fußboden sich wegen Hundechaos nicht zum parken von Flaschen oder Gläsern eignet und das Sofa ein zu weicher Untergrund ist. Legt mensch den verdächtigen Koffer aufs Sofa und klappt ihn auf, erhält mensch einen perfekten Tisch mit Rand, so dass sogar ein gewisser Umfall- und Wegrollschutz gegeben ist. Und das Beste: Solange darin nur relativ kleine Dinge geparkt werden, kann mensch den Koffer einfach zuklappen, um schnellstmöglich den Eindruck eines aufgeräumten Raumes zu erwecken. Hat mensch etwas Kleinfisseliges zu fummeln, nimmt mensch den zugeklappten verdächtigen Koffer auf den Schoß und hat sofort die perfekte Unterlage für feinmechanische Tätigkeiten aller Art.

 

Mensch könnte natürlich auch einfach ein Tablett nehmen, aber das könnte mensch nicht auf- und zuklappen – darüber hinaus wäre es langweilig. Ein verdächtiger Koffer ist viel netter und hat viel mehr Einsatzmöglichkeiten,, viel mehr Geschichten und Inspirationspotential. Diese Geschichten machen es interessant, denn so kann mensch sich gegenseitig zwischendurch immer wieder erzählen, was der Koffer wohl schon erlebt hat, wozu er diente und wer ihn wann und warum loswerden wollte. Außerdem kann mensch sich alle möglichen Szenarien überlegen, in denen der verdächtige Koffer eine Rolle bei Protestaktionen oder fiktionalen Inszenierungen spielen kann.

 

Ein so universell einsetzbares Ding ist ganz schön dekadent und nice to have. Nur, dass vermutlich die wenigsten Menschen auf die Idee kommen, es so zu betrachten. Einen aus dem Müll geretteten Gegenstand würde vermutlich fast niemand dekadent nennen. Deshalb sind wir wohl in der Tat ein bisschen andersrum im Dekadenzbereich – und das ist gut so. Es ist sehr befriedigend, Dingen einen neuen Nutzen zu geben, die jemand Anderes wegen ihrer vermeintlichen Nutzlosigkeit weggeworfen hat.

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3 Gedanken zu “Andersrum im Dekadenzbereich

  1. kommunikatz sagt:

    Achja, als Mauspad funktioniert der verdächtige Koffer im geschlossenen Zustand natürlich auch sehr gut. Mir, die ich ohne Maus arbeite, war das bisher nicht aufgefallen, aber für sehende Menschen, die ihren Laptop auf dem Sofa einigermaßen komfortabel nutzen wollen, ist das ein erheblicher Vorzug 🙂 Wobei ich dazu erwähnen muss, dass sich selbst meine Hündin als Mauspad eignet, solange sie stillhält.

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  2. kommunikatz sagt:

    Yeah, und noch einer: Heute haben wir den dritten verdächtigen Koffer gefunden. Er ist quasi ein Upgrade des zweiten, ohne blöden Besteckschriftzug, dafür mit Innenfächern auf einer Seite. Nice 🙂 ein Sofatablett mit eingebautem Aufbewahrungssystem.

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