Skepsis und kritisches Denken

In meinem Beitrag „Lebenslanges Lernen mal anders“ habe ich mich ausführlich darüber ausgelassen, wie wertvoll und bereichernd Neugier und Offenheit sind. Wer ohne Wertungen und Vorurteile durchs Leben geht und die Wahrnehmungen und Eindrücke einfach in sich aufsaugt, geht nicht nur wertschätzender mit der eigenen Umwelt um sondern eröffnet sich selbst dadurch eine unermessliche Vielfalt von neuen Dingen, die es zu erleben und zu lernen gilt.

 

Egal, auf wen ich Treffe und was ich konkret tue – ich bin immer in einer Art Lernmodus. Ich finde die Ereignisse um mich herum spannend und nehme sie einfach wahr, ohne sie direkt einzuordnen oder zu bewerten. Das hängt damit zusammen, dass ich mich selbst und mein bisheriges Wissen ständig kritisch hinterfrage. Ich gehe nie davon aus, schon alles zu wissen und zu können. Im Gegenteil habe ich oft eher das Gefühl, eigentlich gar nichts zu wissen, obwohl ich inhaltlich relativ tief in einem Thema stecke und ohne Not behaupten könnte, davon richtig Ahnung zu haben. Durch meine Grundskepsis sowohl mir selbst als auch Anderen gegenüber füle ich mich immer als Lernende, interessiere mich für alles und verlasse mich nie auf das, was ich schon weiß.

 

Skepsis und kritisches Denken sind die wichtigsten Triebkräfte, wenn es um das Lernen und Verstehen von Hintergründen und Zusammenhängen geht. Wenn mensch Informationsquellen nicht kritisch untersucht sondern unhinterfragt alle Informationen glaubt und sich selbst für unanfechtbar kompetent hält, fällt mensch viel zu leicht auf Lügen und Hoaxes herein und läuft viel zu schnell charismatischen Populist*innen hinterher. Hier sind wir wieder bei der postfaktischen Gesellschaft und der Suche der Menschen nach einfachen Weltbildern und Sicherheit gebenden, esoterischen Verschwörungstheorien anstelle von wissenschaftlich fundierten Daten, die mensch umständlich recherchieren und dann auch noch verstehen muss.

 

Das ständige Hinterfragen jeder Information hat aber auch eine Kehrseite. Zumindest ist das der Fall, wenn mensch sich dadurch in einer permanenten Unsicherheit befindet, wie es bei mir zu sein scheint. Wie gesagt, bin ich mir seltenst einer Sache wirklich sicher, selbst, wenn ich genug Gründe dafür hätte und ein Thema von genug Seiten beleuchtet habe. Durch mein immerwährendes Selbstbild als Schülerin degradiere ich mich gewissermaßen. Wenn ich Schülerin bin, muss ja jemand anderes, der oder dem ich real oder virtuell gegenüberstehe, mein*e Lehrer*in sein. Nun ist ein Schüler*innen-Lehrer*innen-Verhältnis nicht zwingend ein Machtgefälle. Ein*e Lehrer*in kann ihre oder seine Schüler*innen als komplett gleichwertig empfinden und behandeln. Durch einen solchen wertschätzenden Umgang wird die Hierarchie aber nicht ausgehebelt sondern nur abgeflacht. Der (vermeintliche) Wissensunterschied bleibt als eine Art Hierarchie im Raum stehen.

 

Solange ich glaube, weniger zu wissen oder zu können als mein Gegenüber, bin ich gefühlt in einer unterlegenen Rolle, also auf einer niedrigeren Hierarchiestufe. Ich fühle mich nie sicher und habe nie den Eindruck, auf die gleiche Stufe zu gelangen wie die Person, von der ich lerne, weil diese Person ja im gleichen Tempo Fortschritte macht wie ich und sich der Abstand so nie verringern kann. So denke ich natürlich nur gegenüber Personen, die ich schätze und für kompetent halte. In irgendwelchen Bereichen gilt das aber für fast jeden Menschen, der mir begegnet, so dass ich mich in einzelnen Bereichen immer als unterlegene Schülerin in einer gewissen Bringschuld fühle. Die Bringschuld entsteht aus Dankbarkeit und dem Gefühl, das weitergegebene Wissen honorieren und mit einer Gegenleistung belohnen zu müssen, und wenn die Gegenleistung nur mein eigener Lernfortschritt ist.

 

Inzwischen halte ich es für sehr erstrebenswert, eigene Kompetenzen als solche zu erkennen und sich in Überzeugungen und Kenntnissen sicher zu fühlen. Es ist sehr verunsichernd und hemmend, zu sehr an dem zu zweifeln, was mensch kann und weiß. Dinge, derer mensch sich nicht gänzlich sicher ist, kann mensch auch nicht mit entsprechender Überzeugung und Überzeugungskraft vertreten. Eher fühlt mensch sich wie ein*e jugendliche Schüler*in, die oder der vor einem vollen Hörsaal steht und über ein Thema referieren muss, das sie oder er nur flüchtig recherchiert und eigentlich nicht durchschaut hat – das alles natürlich unter den Augen und Ohren eines kritischen Publikums und einer*s strengen Lehrers*in.

 

Wenn ich selbst zu sehr und zu lange zweifle, bin ich nicht in der Lage, mein Wissen weiterzugeben und Andere zu überzeugen, denn sie merken, dass ich zweifle. Wenn sie das merken, haben meine Botschaften für sie automatisch weniger Gewicht und ich werde weniger ernst genommen. Mitreißen, begeistern und letztendlich inhaltlich überzeugen kann ich nur, wenn ich selbst überzeugt bin. Dafür muss ich mir selbst zutrauen, Dinge zu wissen und zu beherrschen. Wer sich ständig unfertig und ahnungslos fühlt, ruiniert dadurch auf Dauer nicht nur die eigene Überzeugungskraft sondern vor allem das eigene Selbstwertgefühl.

 

Mein Appell – heute vielleicht mehr denn je an mich selbst gerichtet – ist daher: Sei kritisch und skeptisch, aber trau Dir zu, diesen Zustand zu überwinden, wenn Du genug Quellen konsultiert und Informationen gesammelt hast. Mensch muss nicht ewig zweifeln. Es gibt auch Gewissheiten und Überzeugungen, zu denen mensch stehen kann. Sei Dir Deiner Sache sicher und vertrete sie entsprechend nach außen, dann nimmst Du andere Menschen mit und kannst sie auf ihrem eigenen Weg des kritischen Denkens unterstützen.

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