Mentale Übelkeit

So fühlt sich meine momentane Verfassung an. Ich weiß nicht, woher sie kommt und warum sie da ist, aber ich weiß, dass sie da ist und dass ich keine Idee habe, wie ich ihr entgehen soll. Ich habe solche Tage manchmal – anscheinend muss ich da einfach ab und zu durch.

Wie körperliche Übelkeit ist dieser Zustand völlig lähmend. Jede Bewegung ist zu viel, jede Aktivität ist lästig und anstrengend. Ich will nichts denken, nichts fühlen und nichts hören oder lesen, ich will einfach meine Ruhe haben und von Allem abgekoppelt sein. Wie der Widerwillen gegen alles Essbare, wenn einem vom Magen her übel ist, führt auch diese mentale Übelkeit zu einer Art Flucht vor allem Unerwünschten. Wenn mein Magen spinnt, gehe ich Essensgerüchen aus dem Weg, jetzt gerade widerstrebt mir jeder Gedanke an alle komplexeren Zusammenhänge, an alle aufwändigeren Aktivitäten und jede intellektuelle Tätigkeit. Ich will mit niemandem reden, mich niemandem erklären. Selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht. Genauso, wie ich mich bei starker körperlicher Übelkeit sofort übergeben müsste, wenn ich versuchte, etwas zu essen, würde ich momentan sofort in Tränen ausbrechen, wenn ich mehr als Alltagsbanalitäten sagen wollte. Das einzige Wort, das ich für diesen Zustand habe, ist Verzweiflung. Woran ich verzweifle oder was ich gegen diese Tatsache tun kann, ist mir aber leider völlig schleierhaft.

Vermutlich liegt die wesentliche Ursache in der allgemeinen Weltlage. Es geht den Bach runter, egal, wohin mensch schaut, welche Nachrichten mensch liest oder welche Themenbereiche mensch priorisiert. Überall passieren ständig kleine und große Katastrophen. Alles, was die Menschen tun könnten, um diese Katastrophen zu verhindern oder abzumildern, wird entweder gar nicht erst angegangen oder von anderen Menschen erfolgreich torpediert. Die Welt ist nicht mehr zu retten – selbst das Ausbremsen oder Verlangsamen der vielen Negativentwicklungen an so ziemlich allen Fronten klappt dank der Uneinigkeit unter den Menschen nicht.

Ob es zu stark verwässerte Klimaziele oder verfehlte Außen- und Militärpolitik sind, ob es Rechtspopulist*innen oder IS-Kämpfer*innen sind, ob es Diskriminierungen gegenüber Frauen, Migrant*innen oder Menschen mit Behinderungen sind – überall drängeln sich mit aller Macht ärgerliche, negative, frustrierende, erschreckende und demotivierende Ereignisse oder Entwicklungen in mein Bewusstsein. Und selbst, wenn ich mich von der Außenwelt mit all ihren Untergangsszenarien abwende, sieht es nicht besser aus. Ich mag ein ganzes Stück weit im Schlaraffenland leben, sowohl im globalen Zusammenhang als auch im privaten. Deutschland ist ein reiches Land, in dem es vergleichsweise niemandem wirklich richtig dreckig geht, in dem die politische Lage längst noch nicht so düster ist wie in den allermeisten anderen Staaten und in dem ich ein Auskommen habe, ohne dafür viel tun zu müssen. Mein ganz persönliches Privatleben war eigentlich zu keinem Zeitpunkt besser als momentan. Emotional werde ich immer etwas durcheinander und wirr sein, aber momentan bin ich in diesem Wirrwarr zumindest sehr stabil und zufrieden. Ich habe beinahe alles, was ich brauche – in manchen Bereichen eigentlich mehr als das.

Meistens hält mich genau dieses Private über Wasser. Es gibt mir genug positive Energie, Motivation und Selbstwertgefühl, um irgendwie weiterzumachen, an den vielen Baustellen der Außenwelt zu arbeiten und meinen utopischen Weltverbesserungsdrang auszuleben. Wieso gibt es dann solche Tiefpunkte wie gerade jetzt? Wieso halte ich es manchmal einfach nicht mehr aus und wünsche mir nichts sehnlicher als die Apocalypse? Wenn die Welt einfach unterginge, wäre endlich allumfassende Ruhe – der erstrebenswerteste Zustand.

Motivation und Selbstwertgefühl sind aktuell nichtmal in Spurenelementen vorhanden. Wo sind sie hin und was soll der Scheiß? Ich liege im Bett, als wäre ich körperlich krank. Ich fühle mich geistig einfach elend und zu nichts in der Lage. An Tagen wie heute schaffe ich manchmal viel Haushaltskram wie Wäsche waschen, putzen oder aufräumen. Heute ist nichtmal das drin.

Dieser Rückzug ins Private hilft nicht. Erstens ist das Private viel zu politisch und zweitens verzweifle ich noch mehr, wenn ich mich dem Gefühl der Machtlosigkeit ergebe. Ich muss irgendetwas tun, vielleicht nur, um mich von all diesen negativen Gedanken abzulenken, die zu dieser mentalen Abscheu führen, die sich beinahe anfühlt wie ein Brechreiz.

Vielleicht lässt es sich auf das herunterbrechen, was ich zu Beginn meiner Bloggerei im Beitrag „Die Frustrationsspirale“ und etwas später in „The End of the World as we know it“ beschrieben habe. Mensch kann noch so genau wissen, dass die Dinge sich nicht mehr zum Guten wenden lassen – zumindest für sich selbst und das direkte, eigene Umfeld muss mensch am Ball bleiben und Verbesserungen ethischer und ökologischer Art anstreben. Wenn mensch dann Erfolge sieht – seien sie auch noch so klein – gibt das Motivation für den nächsten Schritt. Alles was funktioniert, gibt Kraft und Ausdauer für Neues. Wenn nichts klappt und alles immer nur im Sande verläuft oder fulminant in sich zusammenfällt, gibt es keine mögliche Motivationsquelle sondern eine immer weiter abwärts führende schiefe Ebene aus Frust. Vermutlich kann ich meiner mentalen Übelkeit nur entgehen, wenn ich diese schiefe Ebene verlasse, indem ich irgendwas Niedrigschwelliges anfange und ein Erfolgserlebnis produziere.

Deshalb beziehe ich jetzt das Bett neu und lege mich danach nicht wieder hinein sondern tue irgendwas Sinnvolleres. Selbst, wenn heute nicht mehr viel dabei herauskommt, kann ich mich zumindest darauf freuen, heute Abend in einem frischen und sauberen Bett zu schlafen. 

PS: Dieser Text entstand gestern. Meine Strategie hat, wie fast immer, funktioniert 🙂

2 Gedanken zu “Mentale Übelkeit

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