Hast du schon gehört? Das ist das Ende!

Der Winter ist schön. Was mich allerdings nervt, ist sein alljährlicher Pseudobeginn mit der Vorweihnachtszeit. Eigentlich ist bis Ende Dezember noch Herbst, aber seis drum, die meisten Menschen scheinen zu glauben, der Winter würde spätestens mit dem Advent beginnen. Für Diejenigen, die das ganze Brimborium mögen, ist Winter und Weihnachtszeit scheinbar gleichbedeutend. Dass der eigentliche Winter erst losgeht, wenn Weihnachten quasi durch ist, führt dann dazu, dass dem tatsächlichen Winter mit einem total übertriebenen Überdruss begegnet wird, während die Leute sich vor Weihnachten – wohl gemerkt im Herbst – bitterlich beschweren, dass es ja noch gar nicht richtig Winter ist.

Ich lebe in einer Stadt mit einem angeblich ganz tollen Weihnachtsmarkt. Ja, die Aachener Innenstadt mit ihren historischen Gebäuden, kleinen Gassen und altem Kopfsteinpflaster hat Charme – zu jeder anderen Jahreszeit, aber nimmernicht im Dezember. Dann ist die Innenstadt nämlich ein einziger Haufen Kitsch, eine Aneinanderreihung stinkender Fressbuden und peinlicher Verkaufsstände für Weihnachtsgeschenke, die nach dem Fest niemand mehr sehen will. Die Menschen, die sich über diese Art von Kirmes wälzen, sind entweder Leute aus der Gegend, die sich sinnlos mit Glühwein zuschütten wollen, den Rest des Marktes aber meist keines Blickes würdigen, oder es sind Tourist*innen, die busseweise in die Stadt gekarrt werden. Die Busse aus den Niederlanden, Belgien, Großbritannien, Frankreich und woher auch immer fahren aber nicht geradewegs in die Innenstadt, weil diese sonst sofort verstopft wäre. Sie halten ein ganzes Stück weiter westlich – oh Wunder, genau da, wo die ganze Süßigkeitenindustrie der Region ihre Fabriken und Werksverkäufe hat. Dort werden die Touris durchgeschleust, kaufen ganz viel überteuerten aber wegen Werksverkauf für günstig gehaltenen Süßkram, latschen so bepackt in die City, schieben sich gegenseitig über den komplett überfüllten Weihnachtsmarkt, werden dort im Minutentakt in mindestens drei Sprachen mit Warnungen vor Taschendieb*innen beschallt, kaufen noch mehr Süßkram und Kitsch, schauen sich fürchterliche Weihnachtsdeko an, bis ihnen die Augen aus dem Kopf fallen, hören nicht minder kitschiges Weihnachtsgedudel, bis ihre Ohren versagen, latschen erschöpft zurück zu ihren Bussen und werden wieder aus der Stadt gebracht.

Vor 15 Jahren wohnte ich eine Zeit lang direkt an einer der Straßen, die auf den Marktplatz münden – so dicht dran, dass meine damalige Adresse Am Markt 22 war. Im Dezember konnte ich das Haus nicht verlassen, ohne vorher minutenlang in der Haustür zu stehen und eine Lücke im Menschenstrom abzuwarten. Bei dieser Warterei überlegte ich regelmäßig, was eigentlich der Sinn solcher Massenveranstaltungen ist und welchen Lustgewinn die Leute daraus mitnehmen. Inzwischen wohne ich am westlichen Rand der Innenstadt undd bekomme, solange ich mein Viertel nicht verlasse, vom Weihnachtsmarkt nur die Geruchsbelästigung mit, die es immerhin bis hier her schafft. Das lässt mich aber genauso über diese Fragen nachdenken. Irgendwas bringt es den Menschen anscheinend, irgendwas an diesem ganzen Wahnsinn findet die Mehrheit offenbar gut. Aber was? Und ist es wirklich etwas, das sich mir einfach nicht erschließt, oder habe ich ähnliche Mechanismen, die ich nur nicht bemerke?

Ja, ich habe sie. Dieser Text ist für mich genau das, was der Weihnachtsmarktbesuch für all die Adventskitschfans ist: ein Ablenkungsmanöver. Die Menschen betäuben sich, um irgendetwas Anderes besser ausblenden zu können. Sie suchen lieber nach Ersatzbefriedigungen statt die echten Probleme und Unzufriedenheiten anzugehen, unter denen sie leiden. Wenn sie sich nicht mit den großen, kleinen, lauten und leisen Katastrophen der Welt auseinandersetzen wollen, suchen sie sich halt eine spaßigere und nettere Alternative. Für Viele scheint die Vorweihnachtszeit mit ihrem Konsumwahn und ihren Schrottprodukten diesen Zweck perfekt zu erfüllen. Für mich tut das die Aufregerei über genau diese Dinge. Solange ich mich über sinnlos fressende, saufende und kaufende Menschen auf Weihnachtsmärkten aufrege, die durch ihren sinnbefreiten Konsum von Wegwerfprodukten die knappen Ressourcen der Welt für nichts und wieder nichts ruinieren, muss ich nicht über Aleppo, Afghanistan, Trump, RWE, schmilzende Gletscher und austrocknende Landstriche nachdenken.

Es ist nichts Anderes als Prokrastination. Meine Form von Prokrastination ist dabei wenigstens nur unproduktiv. Aufregen und auskotzen hilft ja nur sehr bedingt – wenn überhaupt dann nur der eigenen Psychohygiene. Der Konsum der Anderen, an dem ich mich nicht beteilige, wirkt aber kontraproduktiv. Er kurbelt durch die Produktion all der sinnlosen Waren, die Leute sich gegenseitig schenken, obwohl sie schon alles haben, die Ressourcenverschwendung und Ausbeutung überall auf der Welt an, er verstärkt und verfestigt Ungleichheiten zwischen den Menschen innerhalb der hiesigen Gesellschaft, weil sich ärmere Menschen vor Weihnachten immer wieder neu in Schulden stürzen, um das Spiel mitzuspielen, und er macht die Menschen so stumpf, dass sie darüber die wesentlichen Dinge aus dem Blick verlieren.

Mein heutiger Appell ist daher ganz einfach: Lasst uns alle mit der blöden Prokrastination aufhören. Alle Ablenkungsstrategien sind zwar gemütliche Rückzugsorte, sie verstärken aber all die Probleme, die wir unabwendbar haben. Tut etwas gegen diese Probleme, anstatt sie auszublenden. Und wenn Ihr nichts Direktes dagegen tun könnt, weil Ihr vielleicht keine Lust oder Zeit habt, Euch in irgendeiner Weise für Frieden, gegen Klimawandel oder wie auch immer zu engagieren, dann hört zumindest damit auf, die Welt durch Euer unreflektiertes Verhalten und Eure Ausweichmanöver weiter in den Abgrund zu schieben. Es dauert sonst nicht mehr lange, bis wir am Ende der schiefen Ebene ankommen und über den Rand fallen, um in der Metapher zu bleiben.

PS: Der Titel dieses Beitrags ist eine Zeile aus PeterLichts grandiosem „Lied vom Ende des Kapitalismus“.

2 Gedanken zu “Hast du schon gehört? Das ist das Ende!

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