Gummihund und Schläferhund

Irgendwo habe ich mal versprochen, in meinem Blog auch Tierisches zu veröffentlichen. Nun Denn, als Abwechslung zu den schwierigen Themen der letzten Zeit erzähle ich hier ein paar Banalitäten über das achtbeinige, haarige Monster aka. die Vierbeinigen. Das sind Arzu, ihres Zeichens Labrador-Hündin, und Akiro, ein DSH-Neufundländer-Mischling. Arzu gehört zu mir und ist hauptberuflich Blindenführhündin, Akiro gehört zu meinem Partner und kommt aus dem Aachener Tierheim. Die Beiden sind der Grund, warum wir uns begegnet sind, insofern kommt ihnen eine insgesamt ziemlich tragende Rolle zu.

img_9872_28007295680_o

Akiro ist ein waschechter Schläferhund. Er ist kein reiner Schäferhund und schläft immer mitten im Weg, ein bisschen wie das Tigerfell mit Kopf in Dinner for one. Mit seinem Neufundländerfell wirkt er fast wie ein Teppich – vor allem im Winter, wenn er sich in Sachen Flausch so richtig ins Zeug legt. Er ist dann wie ein riesiger, schwarzer Wattebausch mit hellbraunen Beinen, perfekt auf unseren Parkettboden abgestimmt.

Arzu kann dagegen mit einer winterlich unglaublich dicht unterfütterten und plüschigen Felldecke glänzen – im wahrsten Sinne des Wortes, denn ihr Fell ist hochglanz-neon-schwarz. Obwohl sie erst 4 ist, hat sie einzelne weiße Haare im Fell, außerdem hat sie eine Art Pixelfehler auf der Nase – einen pinkfarbenen Punkt.

Vor ein paar Tagen begegneten wir auf unserer Abendrunde ein paar Kindern. Sie fragten uns, ob unsere Hunde Wölfe seien. Während ich über diese Idee in Bezug auf Arzu wirklich lachen musste, weil sie mit ihren Schlabberohren und ihrer geballten Niedlichkeit wirklich so überhaupt nichts von einem Wolf hat, macht die Frage bezogen auf Akiro aber deutlich mehr Sinn. Seine Kopfform mit den riesigen Ohren und sein skeptisch prüfender Blick, wenn er vorbeilaufende Menschen checkt, haben etwas sehr wölfisches und können in Kombination mit seinem tiefen Gegrummel auch ziemlich bedrohlich wirken. Im Grunde kann er also nur ein Flauschwolf sein.

25190138066_3c6ca77ec5_k

Auf der anderen Seite habe ich noch keinen Hund erlebt, der grundlos so jämmerlich fiepsen und quietschen kann wie er. Er macht das, wenn er aufgeregt ist, weil wir rausgehen wollen oder weil er sich mit seinem Tennisball unterhält. Seine Dialoge mit dem Ball sind eine Geschichte für sich. Er kann sich stundenlang damit beschäftigen, auf einem Ball herumzukauen, bis der Ball nicht mehr hüpfen sondern nur noch beim Aufprall auf den Boden eklige Matschgeräusche machen und kleben bleiben kann. Manchmal legt er den Ball ab und schaut ihn an, als wollte er sagen „Komm, beweg dich endlich, lass uns spielen!“. Wenn er das draußen macht, findet sich meistens ein Mensch, der gegen den Ball tritt und für die heiß ersehnte Bewegung sorgt. Drinnen wird aber nur selten so wild mit dem Ball gespielt.

Auf unserer kleinen Runde um den Block hinterlässt er Bälle an allen möglichen Orten, die wir dann jeweils in den Folgetagen wiederfinden. So dezimiert sich unser großer Ballvorrat zum Glück nur langsam, obwohl er eigentlich ständig Bälle verliert – zum Beispiel beim Kacken, weil er den Ball, den er mit sich herumträgt, dafür grundsätzlich erst ablegt. Akiros Bälle sind wichtig. Wenn er einen Ball im Maul hat, wirkt das wie ein Schnuller. Es macht ihn entspannter und hindert ihn gleichzeitig zumindest ein Stück weit daran, andere Hunde anzupöbeln oder den nächstbesten Mops in der Luft zu zerfetzen. Umso netter ist es, auf Spaziergängen Bälle wiederzufinden, wenn er seinen gerade aktuellen Ball mal wieder irgendwo hat liegenlassen.

Sobald es mehr als einen Ball gibt, ist Akiro komplett überfordert. Wenn er einen Ball hat und mensch ihm einen zweiten präsentiert, will er den neuen Ball haben. Hat er diesen und mensch zeigt ihm wieder den ersten, übernimmt er sofort wieder den. Mit drei oder mehr Bällen kann mensch seine Entscheidungsfähigkeit vollständig lähmen und zum erliegen bringen. Wir haben das letzthin getestet, indem wir eine ganze Tüte voller Tennisbälle vor bzw. über ihm ausgekippt haben. Dadurch, dass die Bälle sich natürlich bewegten, brach aber sehr schnell allgemeines Hundechaos aus und das Wohnzimmer glich einem Bällebad 🙂

29749096493_3b8b6c8673_k

Arzu verfolgt eher den Ansatz, Dinge wie Bälle zu sammeln. Sie spielt gerne damit, am liebsten trägt sie sie aber in ihr Bett und versteckt sie dort. Manchmal sieht das Hundebett aus wie ein Nest voller Eier – grüne, pelzige Eier in Tennisballform. Sie liebt außerdem alles, was quietscht. Ich verarbeite kaputte Jeans immer zu Hundespielzeug. Das absolute Highlight meiner Bastelei war bisher das so genannte Quatschi. Das ist ein an beiden Enden verknotetes Jeanshosenbein mit einem kleinen, weichen Quietschball in der Mitte. Das Quatschi quietscht nicht so penetrant wie die normalen Quietschis aus weichem Plastik. Außerdem ist es viel robuster. Die Plastikdinger hat sie nach kürzester Zeit zerlegt, so dass nichts mehr quietschen kann und überall bunte Plastikfetzen herumliegen. Das Jeansquatschi hält ewig – bisher ungefähr anderthalb Jahre. Auch das Ding liegt meistens in ihrem Bett, nebst einiger angenagter Knochen, die ab und zu geräuschvoll durch die Wohnung fliegen, wenn sie damit spielt. Dieser Hund hat einen echten Knochenjob.

Es ist erstaunlich, dass ein Hund, der komplett aus Gummi zu bestehen scheint, so rabiat auf Knochen herumkauen kann. Arzu hüpft durch die Gegend wie ein Flummi und rennt beim spielen mit voller Wucht gegen alle möglichen Dinge bis hin zu ganzen Autos, ohne sich dabei wehzutun. Außerdem glitscht und kriecht sie überall durch, egal, wie eng es ist. Sie verdreht und streckt sich, dass mensch sich nur fragen kann, ob sie überhaupt ein Skelett hat. Je genüsslicher sie sich streicheln und durchkneten lässt, desto mehr zerfließt sie förmlich. Sie ist eine ungetrübte Frohnatur – vielleicht liegt das daran, dass sie gebürtig aus Köln kommt 🙂

30040935160_ea2e526a58_k

Wie immer finde ich aber auch hier den Dreh zum Aktivismus. Sowohl Arzu als auch Akiro sind Protesterprobt. Während Gary und Akiro Mitte Dezember 2015 in Paris mit 40.000 Menschen und vermutlich nicht so vielen Hunden beim Klimagipfel auf der großen red lines Demo waren, standen Arzu und ich mit etwas mehr als einer großen Hand voll Antifaschist*innen vor dem Aachener Tivoli und demonstrierten gegen einen Pegida-Aufmarsch. Beide Hunde waren mit uns in Köln bei der großen Demonstration gegen CETA, TTIP etc. im Herbst 2016. Außerdem sind die Plüschigen natürlich unsere ständigen Begleiter*innen bei Divest- und Fossil Free Aktionen, bei Friedenspreis-Veranstaltungen und bei den Sitzungen der vielen Arbeitsgruppen und Gremien, in denen wir uns herumtreiben.

Es war für mich ein echter Glücksmoment, als ein Aktivist einer mit uns vernetzten Greenpeace-Gruppe mir schrieb, die Hunde gehörten doch zu uns und es sei ganz selbstverständlich ok, wenn sie mitkämen. Ich hatte ihn gefragt, ob wir die Beiden zu einer Aktion mitbringen dürften, wo sie evtl. gestört hätten. Die Reaktion war so offen und positiv, wie ich es selten erlebe. Ich sage nichts gegen wirkliche Ängste und Traumata, die manche Menschen leider in Bezug auf Hunde haben. Darauf nehmen wir Rücksicht. Sehr oft sind die Reaktionen aber ohne solche schwerwiegenden Ursachen sehr verhalten bis ablehnend. Als Halter*innen zwei großer Hunde sind wir es natürlich längst gewöhnt, schief und abschätzig angeschaut oder von manchen Menschen sogar gemieden zu werden. Umso netter ist es, wenn jemand uns und die Vierbeinigen mit offenen Armen empfängt.

akiro-in-paris

Die Hunde erregen Aufmerksamkeit. Immer, wenn ich mit ihnen irgendwo warte oder wenn wir unterwegs sind, gibt es nicht nur abschätzige Blicke sondern auch begeisterte Kommentare über unsere beiden pelzigen Schönheiten. Auf Bildern von Aktionen, wo sie mit von der Partie sind, wirken sie erst irritierend und dann meist einfach nett und aus dem Rahmen fallend. Sie gehören zu uns und wir machen sie zu einem Teil unserer Öffentlichkeitsarbeit, dekorieren sie z.B. mit roten Schleifen und Umhängen, wenn wir mal wieder eine rote Linie verkörpern wollen.

Ja, sie gehören zu uns und sind absolut nicht wegzudenken. Das ist uns noch klarer, seit Akiro Anfang Mai beinahe an einer Magendrehung gestorben wäre. Er hat die Notoperation überlebt, weil er für seine 9 Jahre eine unglaublich gute Konstitution hat. Es ist großartig, diese beiden Spaßvögel ständig um sich zu haben. An manchen Tagen sind sie meine beinahe einzige Motivation, aufzustehen und rauszugehen. Dafür bin ich dankbar. Ich wollte immer einen äußeren Schweinehund haben, der meinen inneren Schweinehund überwindet. Das ist mir gelungen – inzwischen sogar in zweifacher Form.

23360123819_7aec425910_k1

PS: Die visuellen Beschreibungen in diesem Beitrag entnehme ich natürlich nicht meiner eigenen Wahrnehmung sondern dem, was andere Menschen mir beschreiben.

19 Gedanken zu “Gummihund und Schläferhund

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.