Begrabt mein iPhone an der Biegung des Flusses

Ja, wirklich, so heißt ein Lied von PeterLicht – und zwar eines, dessen Lyrics mir mehr als aus der Seele sprechen. Er kritisiert darin den umgang der heutigen Mehrheitsgesellschaft mit persönlichen Daten und Technik, die Technikgläubigkeit und Technikabhängigkeit, in die sich die meisten Menschen ganz unhinterfragt ergeben.

Ja, ich habe ein iPhone – aber ein gebrauchtes, eigentlich schon ausrangiertes iPhone 5, dessen Akku so altersschwach ist, dass ich damit nur das Nötigste mache. Ich telefoniere, verschicke SMS und benutze ganz selten mal eine App, um die Wetterlage zu checken. Manchmal darf das Ding Hotspot spielen, wenn ich dringend Internet brauche und es gerade kein für mich zugängliches WLAN gibt. Ansonsten hat es keine nennenswerten Aufgaben und die Sicherheits- bzw. Privatsphäre-Einstellungen sind entsprechend restriktiv. Eigentlich wollte ich es nicht, aber mein altes Handy ging kaputt, ich fand kein Äquivalent und dann fiel dieses olle iPhone quasi vom Himmel. Nun rege ich mich zwar ständig darüber auf, benutze es aber in Ermangelung von Alternativen.

Ich nutze kein WhatsApp und habe keinen Account bei irgendeinem sozialen Netzwerk. Die Zeiten, in denen ich Jabber und ICQ genutzt habe, sind lange her und mit Skype mache ich gerade die ersten Gehversuche, nachdem ich es nichtmal aus freien Stücken installiert habe.

Warum ist das so? Ich frage mich oft, ob ich einfach nur eine technikfeindliche, faule Sau bin. Boykottiere ich all diese Dinge, weil es mir zu mühsam ist, mich damit auseinanderzusetzen, weil ich zu viel Angst vor nicht barrierefreier und schrecklich umständlich zu bedienender Software habe? Oder hat es doch mehr mit Datenschutz, Privatsphäre und Selbstschutz vor Ablenkung und Reizüberflutung zu tun?

Alles das spielt eine Rolle. An erster Stelle meiner Gründe steht zweifellos die Ablehnung von Datenkraken und der Wunsch, nicht durchleuchtet und für Werbezwecke ausgeschlachtet zu werden. Mit meinen Daten soll niemand Schindluder treiben oder ohne mein Wissen Geld verdienen. Deshalb behalte ich meine Daten weitgehend für mich und füttere sie nicht in irgendwelche undurchsichtigen Netzwerke und Plattformen hinein. Meine Privatsphäre ist mir wichtig. Ja, ich habe Dinge zu verbergen, ich will manchmal einfach meine Ruhe haben und nicht jeder Mitmensch muss alles von mir mitbekommen.

Der zweitwichtigste Grund ist tatsächlich Selbstschutz. Ich habe in der Vergangenheit eine Zeit lang Facebook genutzt. Das war dermaßen zeitaufwändig und absorbierend, dass ich irgendwann nur noch davon weg wollte, um mein reales Leben wieder in den Vordergrund zu stellen. Facebook ist für mich seitdem die Inkarnation einer Plattform, auf der alle sich so makellos und toll wie irgendmöglich präsentieren wollen, darüber aber ihr echtes Leben vergessen. Viele Menschen leben nur noch für die Bilder und Texte, die sie online veröffentlichen. Sie tun Dinge, um davon zu berichten, aber nicht, um sie wirklich mit den eigenen Sinnen zu erleben. Dadurch geht sehr viel Lebensqualität und Sinnlichkeit verloren – genau wie bei den Leuten, die auf ihr Smartphone starrend durch die Stadt oder die Natur laufen, ohne ihre reale Umgebung überhaupt noch wahrzunehmen. Diese Leute suchen Orte auf, um dort Selfies zu machen und ins Netz zu schreiben, dass sie da waren. Ob sie davon wirklich etwas mitbekommen, wirklich ein Erlebnis damit verknüpfen, ist ganz egal – nur die Meldung zählt. Emotionen, die mit dem Erlebnis zusammenhängen könnten, werden nur noch synthetisiert, damit es etwas zu schreiben gibt. Wie mensch sich in einer Situation wirklich fühlt, wird immer irrelevanter und ist den Menschen selbst vielleicht irgendwann gar nicht mehr bewusst. Ich habe das selber erlebt – Selbstinszenierung kann die Überhand gewinnen und echtes Erleben komplett verdrängen. Irgendwann ist die schleichende Unzufriedenheit und Verwirrung über die Diskrepanz zwischen den nach außen getragenen und den echten Gefühlen dann so groß, dass sich ein böses Erwachen nicht mehr vermeiden lässt – zumindest mir ging es so.

Und drittens bin ich wirklich faul bzw. in diesem Punkt einfach nicht sehr frustrationstolerant. Ich habe in meinem Leben so oft Erfahrungen mit nicht oder nur sehr mühsam zugänglicher Software gemacht, dass ich eine große Blockade verspüre, mich mit neuer Software auseinanderzusetzen. Messenger, soziale Netzwerke und andere Kommunikationsplattformen sind meist so überladen und unübersichtlich, dass sie mich und meine Screenreadersoftware gleichermaßen überfordern. Immer wieder suche ich Workarounds und Schlupflöcher, um doch irgendwie zurechtzukommen, aber immer ist es viel komplizierter als für sehende Menschen, die nur auf ihren Bildschirm schauen müssen. Die Erfahrung, dass Dinge einfach funktionieren, macht ein irgendwie eingeschränkter und auf unterstützende Software angewiesener Mensch so gut wie nie. Irgendwo hakt und nervt es eigentlich immer. Und wenn es nur Banalitäten wie ständige Browserabstürze wegen einer Inkompatibilität mit dem Screenreader sind. Sowas hält auf und frustriert.

All diese Punkte erzeugen bei mir einen derart großen Widerwillen, mich mit Facebook, Twitter und was es nicht noch alles gibt zu beschäftigen, dass ich vermutlich erst über diese Blockade hinweg komme, wenn es wirklich einen unabwendbaren Sachzwang gibt. Ihr werdet es merken, wenn ein solcher Sachzwang irgendwann auftaucht – bisher bin ich sehr froh, dass es keinen gibt und dass ich alles, was dazu werden könnte, bislang erfolgreich abgeblockt habe.

Es grenzt schon ein bisschen an Realitätsverweigerung und Rückschrittlichkeit, aber ehrlich gesagt erlaube ich mir das ein Stück weit, wenn es meiner eigenen Psychohygiene dient.

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3 Gedanken zu “Begrabt mein iPhone an der Biegung des Flusses

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