Bilder sagen mehr als tausend Worte…

Vor ein paar Tagen hörte ich von einem Bildungsprojekt für Frauen aus sehr armen Verhältnissen. Es wendet sich an Analphabetinnen aus den ärmsten Ländern der Welt. Das Beeindruckende ist, dass den Frauen, ohne sie zu alphabetisieren, eine Ausbildung zur Photovoltaik-Ingenieurin zugänglich gemacht wird. Es wurde ein Lehrbuch entwickelt, das rein anhand von Bildern die Installation, Inbetriebnahme und Wartung einer kompletten Photovoltaik-Anlage vermittelt. Auf diese Weise können die Frauen, wenn sie nach der Ausbildung in ihre Heimat zurückkehren, Energieversorgung und damit einen Schlüssel zum Wohlstand in ihre Dörfer und Herkunftsregionen bringen.

Die Dokumentation, in der über dieses Projekt berichtet wurde, schwärmte in den höchsten Tönen von der Unmittelbarkeit und Einfachheit, mit der die Frauen die komplexen Inhalte lernen und sich durch ihr gutes Bildgedächtnis merken können. Es wurde von Gerätschaften erzählt, die einerseits zwar hoch komplex, andererseits in ihrer Funktionsweise aber so logisch und simpel sind, dass sie sich ganz leicht jedem Menschen erschließen. Nun mag es sein, dass die Doku ein bisschen übertrieben euphorisch war, aber unabhängig davon glaube ich gerne, dass Bilder mehr sagen als tausend Worte. Wenn jemandem Worte nicht zugänglich sind, ist es daher der logischste und einfachste Schritt, stattdessen auf Bilder und Symbole zu setzen. Vielleicht wäre das sogar für Menschen eine große Hilfe, die eigentlich durchaus auch mit der Schriftsprache vertraut sind.

Ich fühle mich oft in der Komplexität der Sprache regelrecht eingeschlossen. Bilder kann ich mir nur über Sprache zugänglich machen, da ich sie nicht sehe und auf verbale Beschreibungen angewiesen bin. Umgekehrt kann ich mich selbst oft dadurch auch schwerer verständlich machen, weil ich nichts zeichnen, skizzieren oder anders visualisieren kann. Wenn ich versuche, kompliziertere Zusammenhänge einfach zu erklären, verzweifle ich daran regelmäßig, obwohl ich mit ruhigem Gewissen behaupte, etwas von Sprache, Kommunikation und einfacher Ausdrucksweise zu verstehen. Dennoch höre ich immer wieder, wie viel einfacher all das mit Bildern funktioniert, wie gut sich Denkprozesse und Strukturen bildlich darstellen und verständlich machen lassen. Die Kompliziertheit des durch Sprache vermittelten Wissens lässt sich dadurch entschärfen, dass die Sprache außen vor bleibt und die gleichen Inhalte visualisiert werden.

Welche Implikationen hat das nun aber für mich, für meine Arbeit und für das weite Feld der Barrierefreiheit und Inklusion? Bildsprache ist ein Teil von Leichter Sprache. Es wird viel mit Pictogrammen und Symbolen gearbeitet, um die stark vereinfachten Texte zusätzlich zu strukturieren und zu  erklären. Dieser Teil der Leichten Sprache ist für mich schwer umsetzbar, da mir der visuelle Kanal so gut wie vollständig fehlt. Hier verlasse ich mich zu großen Teilen auf mein Prüfgremium und eine Übersetzerkollegin.

Eigentlich müsste mensch viel mehr auf Bilder setzen und weiter von der Schriftsprache wegkommen, um so eine breitere Masse und ein vielfältigeres Publikum zu erreichen. Da ich selbst aber keinen Zugang zu Bildsprache und Symbolen habe bzw. sie zumindest nicht selbst erzeugen und von Anderen nicht wahrnehmen kann, schnürt mir die zunehmende Wichtigkeit von Visualisierungen gewissermaßen die Kehle zu.

Ich würde gerne mehr aus dieser Richtung umsetzen und mich viel tiefgreifender damit beschäftigen, aber es ist, wie beispielsweise auch die hochinteressante Gebärdensprache, ein Bereich, der sich mir einfach entzieht. Es ist schade, wenn mensch aufgrund der eigenen Behinderung anderen Menschen mit anderen Behinderungen oder Einschränkungen nicht so umfassend helfen kann, wie mensch gerne möchte. Dennoch ergibt sich aus dieser Erkenntnis ein interessanter Ansatz für mich.

Leichte und Einfache Sprache müssen nicht nur dem festgelegten Regelwerk genügen und dem kritischen Prüfgremium standhalten. Sie müssen idealerweise unmittelbar Bilder in den Köpfen erzeugen. Diese Bilder müssen so beschaffen sein, dass sie das Verständnis erleichtern. Ich denke dabei nicht an blumige Metaphernsprache oder prosaische Umschreibungen – das liefe Leichter Sprache komplett zuwider. Was ich meine und mir für die Zukunft vornehme, ist das Erzeugen von Bildern, wie der junge Ludwig Wittgenstein es in seinem Tractatus Logico Philosophicus beschrieben hat. Der sprechende oder schreibende Mensch erzeugt mit seiner Wortwahl ein direktes Bild im Kopf der zuhörenden oder lesenden Person. Je treffender und eindeutiger dieses Bild ist, desto verständlicher ist die Botschaft. Ich hoffe, diesen Gedanken umsetzen und als hilfreichen Impuls für meine Arbeit verwenden zu können – jedenfalls gebe ich mir Mühe bei diesem Drahtseilakt zwischen der visuellen und der textlichen Welt.

Ein Gedanke zu “Bilder sagen mehr als tausend Worte…

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