Ringelpietz mit Anfassen

Ich entschuldige mich gleich für diesen despektierlichen Titel, aber leider passt er zu gut. Schon in der Schule, im Studium und selbst in meinem Job beim inklusiven (sic!) Stadtteilprojekt habe ich mich oft über diverse Moderationswerkzeuge und Übungen geärgert. Dass Moderationskarten an einer Tafel, Notizen auf einem Flipchart oder Arbeitsergebnisse und bunte Klebepunkte als Abstimmungswerkzeug auf einer Wandzeitung für mich als Blinde alles Andere als Barrierefrei sind, erschließt sich. Auch mit vielen der bemüht pädagogischen Spiele für Vorstellungs- und Feedbackrunden bin ich noch nie warm geworden. Ich will keine Wollkneuel durch die Gegend werfen, weil ich sie nicht fangen und damit nicht zielen kann. Ich will keine albernen Bewegungen und Geräusche nachmachen, nur um mir die Stimmen und Namen irgendwelcher Personen zu merken, denn die Bewegungen sehe ich nicht und die Geräusche sind peinlich. Und ich will nicht wie bei der Reise nach Jerusalem wild durch irgendein Chaos aus Leuten und Stühlen laufen, um in Bewegung zu kommen oder als letzte Person ohne Stuhl wieder irgendeine alberne Performance hinlegen zu müssen, denn ich laufe ständig gegen Dinge, rempele Leute an und muss mich so sehr konzentrieren, dass ich danach angespannter und weniger erholt bin als vorher.

 

Letztes Wochenende war ich auf einem an sich sehr netten und produktiven Arbeitstreffen. Ich bin dort ein kleines Licht und erwarte nicht, dass die Organisator*innen bei der Planung aller Arbeitsschritte auf mich Rücksicht nehmen. Es hat mir aber ein weiteres Mal so zu sagen vor Augen geführt, wie barrierebehaftet all die Werkzeuge sind, die heutzutage völlig selbstverständlich selbst in linken, aufgeschlossenen und Problembewussten Kreisen angewendet werden. Im Laufe von knapp fünf Stunden  gab es allein drei Situationen, in denen ich mich ausgeschlossen fühlte.

 

Das erste war, wie die Moderatorin es nannte, ein Energizer nach dem Mittagessen. Eine Person stellte sich in die Mitte des Stuhlkreises und sagte „Die Sonne scheint auf alle, die …“, beispielsweise alle, die gerne Kuchen essen. Alle, auf die das zutraf, mussten aufstehen und durch den Raum laufen, um sich dann, wie bei der Reise nach Jerusalem, möglichst schnell wieder auf einen freien Stuhl zu setzen. Die Person, die ohne Stuhl übrig blieb,, gab das nächste Signal, dass auf irgendwen die Sonne schien. Über die Formulierung „Die Sonne scheint auf alle, die …“ wurde länger diskutiert, weil die Moderatorin ursprünglich gesagt hatte „Die Sonne scheint auf jeden, der …“. Das war nicht Genderneutral, deshalb musste eine andere Formulierung her. Für mich war die ganze Übung aus Gründen des fehlenden Überblicks im Raum schlicht nicht machbar. Da half auch keine Formulierungsdiskussion oder Dergleichen, so dass ich gar nicht erst versuchte,, eine Alternative vorzuschlagen.  Es war ok, dass ich nicht mitmachen konnte, denn so war ich frei um mich um die Hunde zu kümmern, die die plötzliche Herumrennerei anscheinend als Panik und Alarmzustand fehlinterpretierten.

 

Das Zweite war ein Aktions-Brainstorming, das folgendermaßen funktionierte: Jede*r schrieb eine Botschaft und eine*n Adressat*in an den oberen Rand eines A4-Zettels, darunter eine Aktionsidee, wie die Botschaft am besten an die Zielperson oder -gruppe gebracht werden könnte. Die Aktionsidee wurde dann eingefaltet, so dass nur die obere Zeile mit Botschaft und Adressat*in sichtbar war, der Zettel wanderte im Stuhlkreis zur nächsten Person und diese musste eine weitere Aktionsidee hinzufügen, ohne die vorherige zu kennen. So wanderten die Zettel von Mensch zu Mensch, bis sie voll und klein zusammengefaltetwaren. Anschließend bekam Jede*r ihren oder seinen Zettel zurück, faltete ihn auseinander, suchte sich die zwei besten Antworten aus und las diese vor. Es kamen wirklich gute Ideen heraus, aber Ich konnte eigentlich von Anfang bis Ende nichts tun, vom aufschreiben bis zum durchlesen oder Antworten auswählen. Mein Partner rettete mich insofern, als dass wir uns gemeinsam unsere Botschaft und Adressat*in überlegten und er mir auf den Zetteln der Anderen jeweils die Botschaften und Adressat*innen vorlas, so dass ich zumindest mit an den Aktionsideen tüfteln konnte. Da die Zeit sehr knapp war, war ich aber beim Aussuchen der beiden besten Antworten schonwieder raus, weil zum Vorlesen und Diskutieren einfach keine Möglichkeit bestand. Er suchte also zwei Antworten aus und da die Zettel hinterher eingesammelt wurden, kenne ich die übrigen leider gar nicht. Ein selbstbestimmtes und unabhängiges Arbeiten ist so nicht möglich, weil ich automatisch nur Anhängsel der assistierenden Person bin, zumal wenn die assistierende Person selbst auch an der Übung teilnehmen und nicht nur mein ausführendes Organ sein will. Außerdem muss es für den Rest der Gruppe sehr störend sein, wenn ich die ganze Zeit mit meinem Partner rede, während alle Anderen still arbeiten.

 

Bei der dritten Übung hätte ich ähnlich eingeschränkt mitmachen können, aber erstens wollte ich nicht mehr und zweitens wäre es nur die halbe Miete gewesen. Zum Abschluss der Veranstaltung sollte Jede*r aufstehen und ein Geräusch und eine Bewegung machen, die ausdrückten, wie sie oder er sich gerade fühlte. Die Kombination aus Geräusch und Bewegung mussten dann Alle einmal nachmachen. Das Einzige, was ich hätte tun können, wäre gewesen, selber Geräusch und Bewegung zu machen und die Geräusche der Anderen nachzuahmen. Geräusche machen mag ich aber nicht und nur, um dabei zu sein, muss ich mir nicht aufs Brot schmieren lassen, dass ich den ganzen visuellen und motorischen Teil dann wieder nicht hinkriege. Außerdem war an dieser Stelle wieder Hundebetreuung gefragt, weil meine alberne Hündin die Geräusche und Bewegungen der Leute als Spielaufforderung und Einladung zum wilden Herumspringen auffasste.

 

Nun muss ich klarstellen, dass ich all das in keiner Weise persönlich nehme. Es hat nichts mit mir zu tun und nur sehr bedingt mit einer Missachtung meiner Person durch die Anderen. Wenn Menschen merken, dass ihre Übungen oder Moderationswerkzeuge mich ausschließen oder mir Schwierigkeiten machen, sind sie immer sehr peinlich berührt und entschuldigen sich tausendfach, dass sie darüber vorher nicht nachgedacht haben. Klar, sie könnten das natürlich tun, aber das ist nicht, was ich erwarte. Jede*r ist in bestimmten Routinen und Methoden gefangen, weil sie oder er damit immer schon arbeitet, Übung darin hat und keine Alternative kennt.

 

Ich fände es allerdings schade und ärgerlich, wenn es, wie es der Fall zu sein scheint, gar keine barrierefreien Alternativen gäbe. Insofern kann ich den Leuten nichtmal einen Vorwurf machen, denn um solche Übungen barrierefrei zu gestalten, müssten sie zuerst selbst das Rad neu erfinden. Wenn es Alternativen gäbe – oder falls es sie gibt und ich sie nur nicht kenne – müsste es im Zuge der Inklusion eine Selbstverständlichkeit sein, in Moderationskursen nur noch diese inklusiven Methoden zu lehren, damit gar keine ausschließenden und diskriminierenden Methoden mehr angewandt werden. Wenn sich allerorts oder zumindest in meinen Kreisen die Menschen bemühen, sich gegenseitig nicht wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder ihrem Gender zu benachteiligen, sollte ein solches Bewusstsein in Bezug auf Benachteiligungen wegen einer Behinderung doch genauso leicht zu schaffen sein.

 

Natürlich sind barrierefreie Arbeitsmethoden, Moderationswerkzeuge und Lockerungsübungen für Seminare etc. nicht leicht zu entwickeln. Ein blinder Mensch hat völlig andere Anforderungen als ein gehörloser oder körperbehinderter Mensch. Allen gerecht zu werden und niemanden aufgrund einer Einschränkung zu benachteiligen, kann sehr schwierig sein. Am Einfachsten ist es eigentlich, je weniger Ringelpietz mit Anfassen es gibt. Wenn mensch nicht im Raum herumturnen muss sondern Jede’r sitzen, stehen oder liegen kann, wie sie oder er gerade will, sind Menschen mit motorischen Einschränkungen oder beeinträchtigter Sehkraft schonmal mit im Boot. Wenn alles verbalisiert oder vorgelesen wird und keine bunten Punkte oder Kärtchen auf einer Tafel oder auf dem Boden herumgeschoben werden, ist es auch egal, ob mensch etwas sehen, sich zum Boden bücken, darauf sitzen und herumlaufen kann oder nicht. Wenn es dann trotzdem ein umfassendes Protokoll oder einen gut nachvollziehbaren Tafelanschrieb gibt bzw. wenn vor allem für Gebärdensprachübersetzung gesorgt ist, können plötzlich auch Menschen mit eingeschränktem Gehör uneingeschränkt teilnehmen. Wenn mensch es dann noch schafft, die Veranstaltung in möglichst einfacher Sprache abzuhalten, sind sogar Menschen mit Lernschwierigkeiten und leichteren geistigen Behinderungen eingebunden.

 

Das aus meiner Perspektive Wichtigste ist, dass Alle mit den selben Mitteln beteiligt sind und niemand eine Extrawurst braucht. Wenn, wi oben in meinem zweiten Beispiel, die ganze Gruppe still vor sich hin arbeitet und nur eine blinde Person und ihre Assistenzperson die ganze Zeit tuscheln müssen, um die Gedanken der blinden Person irgendwie auf ein Stück Papier zu bekommen, ist die blinde Person exponiert und wird zum Störfaktor. In diese Rolle gedrängt zu werden, ist an sich schon unangenehm und kann als diskriminierend empfunden werden. Ähnlich blöd fühlt mensch sich, wenn alle Anderen lustige Lockerungsübungen machen, während mensch selbst zur Untätigkeit verdammt am Rand sitzt.

 

Eine Veranstaltung, die auf Bewegungsübungen und visuelle Werkzeuge verzichtet, muss nicht langweilig sein. Diskussionen und selbst Frontalvorträge können unglaublich lebhaft, spannend und ergebnisreich sein und grenzen niemanden aus. Jede*r kann selbst entscheiden, ob und wie er oder sie sich bewegen und auflockern möchte. Und vielleicht findet sich sogar die eine oder andere Übung, die tatsächlich für alle Anwesenden zu bewerkstelligen ist.

Ein Gedanke zu “Ringelpietz mit Anfassen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.