Der Axtmörder

Im Frühsommer passierte mir eine schräge Geschichte. Darin gibt es fünf Akteur*innen, deren Perspektiven unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Beteiligten sind mein Partner Gary, sein Schäferhund-Neufundländer-Mischlingsrüde Akiro, meine Labrador-Hündin Arzu, der Axtmörder und ich selbst.

 

Die Rahmenhandlung lässt sich erstmal gut aus einer übergeordneten Erzählperspektive zusammenfassen. Wir – also die oben Genannten abzüglich des Axtmörders – gingen spazieren. Der Spazierweg führt an der Rückseite einiger Gärten vorbei, zwischen Weg und Gartenzaun ist ein mehrere Meter breites Stück Wiese. Die Hunde liefen frei und Arzu tat, was sie an dieser Stelle leider sehr gerne tut: Sie machte einen Ausflug durch eine Lücke im Zaun in die Gärten. Ich wusste, dass sie auf solche Ideen kommt, ich habe mit verschiedenen Methoden versucht, es ihr abzugewöhnen und war letztendlich bei der eher banalen Managementmaßname gelandet, sie auf diesem Wegstück einfach anzuleinen. Genau das wollte ich in diesem Moment eigentlich auch tun, aber ich war einen Tick zu spät und Arzu war schneller.

Ich war stinksauer, aber da ich solche Situationen zur Genüge kenne, ließ ich mir nichts anmerken sondern rief und pfiff relativ gelassen nach meiner Hündin. Nach einer Weile kam sie auch tatsächlich schwanzwedelnd aus einem anderen Loch im Zaun wieder herausgewetzt, holte sich ihre Belohnung fürs zurückkommen ab und alles schien gut zu sein.

Wir gingen unsere kleine Runde und kamen kurz darauf wieder an der Stelle vorbei. In einem Gartentor, das wir passierten, erschien plötzlich ein mittelalter Typ in kurzer Hose und Gartenschuhen mit offenbar extrem schlechter Laune. Er trug eine große Axt erhoben in der Hand. Dazu trug er einen äußerst wütenden Gesichtsausdruck, was mir in diesem Moment aber natürlich beides nicht bewusst war, da ich ihn nicht sah.

Er schimpfte sofort ohne Punkt und Komma los. Mein Hund sei in seinen Garten gelaufen, hätte Beete verwüstet und seine Kinder sowie deren Freundinnen und Freunde bedroht und erschreckt. Das sei schon mehrmals passiert und dürfe nicht mehr vorkommen. Ich versuchte herauszufinden, was genau vorgefallen war. Schließlich wollte ich wissen, was Arzu anstellt und wie ich am besten dagegen vorgehen kann, positiv mit Training und Ablenkung, ohne Strafen und Verbote.

Der Axtmörder war aber so in Rage, dass er auf meine zunächst ruhigen und sachlichen Fragen nur mit weiteren Tiraden reagierte. Da er immer lauter wurde, musste ich zwangsläufig auch lauter werden – irgendwann bemerkte ich, dass mein Partner neben mir seinerseits immer angespannter und wütender wurde, sein Smartphone zückte und den Axtmörder fotographierte. Erst, als er mir zuflüsterte, dass der Typ eine Axt hatte, wurde mir langsam die Tragweite der Situation klar.

Das Ganze kulminierte in der Aussage des Axtmörders, wenn er meine Hündin noch einmal in seinem Garten sähe,  sei sie tot. An dieser Stelle muss ich vielleicht erwähnen, dass Arzu eine ausgebildete Blindenführhündin ist,meine Krankenkasse für sie 28.000 Euro hingeblättert hat und ich ohne sie wirklich aufgeschmissen wäre, mal ganz abgesehen davon, dass sie mir auch einfach als Mitbewohnerin/Haustier sehr viel bedeutet. Entsprechend schockiert war ich über diese grobe Frechheit und existenzielle Drohung.

Das Gespräch endete damit, dass mein Partner mich weiter zog, während er dem Axtmörder mitteilte, dass er ein Arschloch sei. Ich sagte auch noch irgendwas, war aber im Endeffekt einfach froh, aus der Situation herauszukommen. Zu Hause regten wir uns noch etwas auf und ich erstattete Anzeige gegen den Axtmörder. Danach passierte in der Sache nie wieder etwas und die Hunde werden seitdem am Weg entlang der Gärten kompromisslos angeleint.

Schauen wir uns nun die Perspektiven aller Beteiligten im Einzelnen an, beginnend im Garten.

Arzu: „Wow, ist das cool hier! Mein eigenes Labyrinth, und, yeah, da gibts ja einen Kaninchenstall, einen Erdhaufen zum buddeln und – heeeey *megagrins* wie geil ist das denn! Da sind ja Menschen! *bouncybouncybounce* Hey, Party, lasst euch begrüßen, ihr Süßen! *Knutschattacke mit Anlauf* Wo habt ihr denn euer Mampf? Hmm, ich geh mal gucken! Leckerlecker! *schnüffschnüff mampfsuch* Hmm, du hast da was Interessantes in der Hand, zeig mal! *Eis fällt auf den Boden und Kind rennt schreiend weg* – *schlabberschleck, Eis ist weg* Huch, was geht ab? Hab ich da meinen Namen gehört? Hmm, nö, hier isses viel zu nett! Aber hmm, wenn ich diesen Pfiff höre, gibts meistens was total Leckeres, also vielleicht doch mal gucken gehen… *bouncybounce in Richtung Zaun und Chefin*“

Axtmörder: „Oh mein Gott, diese schwarze Bestie schonwieder! Alle paar Monate habe ich diesen verdammten Riesenhund in meinem Garten, bestimmt werden meine Kinder gleich zerfleischt oder tief traumatisiert! Ich muss was tun, diese Frau hat ihren gefährlichen Köter nicht unter kontrolle – wie auch, die sieht ja nix! Solche Leute dürfen ihre Hunde einfach nicht freilassen, das sind doch Arbeitstiere… Oh nein, das Eis! Und meine Tochter weint, der Hund hat ihr bestimmt wehgetan! Der blöden Blindschleiche erzähl ich jetzt mal, wo der Hase läuft. Bevor meine Kinder Schaden nehmen, erlebt der Hund sein blaues Wunder und die blöde Tussi kapiert hoffentlich endlich, in welche Gefahr sie uns alle bringt! *schnappt sich seine Axt und läuft zum Gartentor* Huch, die Schlampe hat ihren Kerl und den anderen Köter dabei, aber egal, denen erzähl ich jetzt echt mal, wo Barthel den Most holt, sonst müssen wir alle sterben!“

Ich: „Ah, das muss der Typ sein, dem der Garten gehört. Super, endlich kann ich ihn fragen, was Arzu da so spannend findet. Wenn ich das weiß, kann ich sie vielleicht überzeugen, dass es bei mir doch cooler ist. Vielleicht finden wir gemeinsam einen neuen Trainingsansatz für die dumme Labbinuss. Diese leidigen Gartenausflüge sind wirklich kacke und komplett unerwünscht. Es ist mir eh schon grottenpeinlich, dass Arzu sowas macht. Ich bin total froh über jede Möglichkeit, dagegen mehr zu tun als nur anleinen, außerdem habe ich den Ehrgeiz, sie so zu trainieren, dass sie solchen Mist einfach nicht mehr veranstaltet.“

Gary: „What the fuck, was ist das denn für ein Spinner? Was will der mit der Axt? Und warum lässt Lea sich mit ihm auf eine Diskussion ein, das ist doch aussichtslos. Der hört nicht zu und ist komplett außer sich. Wenn der sie und Arzu weiter so bedroht, kann ich mich irgendwann nicht mehr beherrschen und der erlebt, wie wenig seine dämliche Axt gegen ein paar Kung Fu Griffe ausrichten kann.“

Akiro: „Hä? Ach, ihr seid doch alle peinlich, lasst mich in Ruhe schnüffeln und pissen… Arzu ist ja echt ein süßes, junges Ding, aber irgendwie hat die nur Mist im Kopf. Die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind Bälle, Pinkelbäume und poppen, aber außer für die Bälle hat die Nuss für nix Verständnis…“

Tja, ungefähr so war das. Ich kann natürlich nicht beschwören, dass meine Empathie wirklich ausreicht, um mich sinnvoll in die einzelnen Sichtweisen hineinzuversetzen, aber allein für diesen Text war es einen Versuch Wert. Eine wirkliche Pointe hat diese Geschichte auch nicht – nur vielleicht, dass Perspektiven innerhalb einer einzigen Kommunikationssituation verdammt unterschiedlich sein können.

Ein Gedanke zu “Der Axtmörder

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