Erntedank

Als Kind konnte ich mit dem Konzept Erntedankfest nicht viel anfangen. Obst, Gemüse, Nüsse, Pilze und Getreide gab es ja eigentlich immer. Also war es zwar nett von der Natur, dass sie dafür bestimmte Zeitpunkte hatte, aber mich tangierte das nicht. Wenn der Zeitpunkt gerade nicht da war, war er anderswo offenbar doch da oder ein Treibhaus machte es möglich, sich über den Rhythmus der Natur hinwegzusetzen. Ich wuchs zwar nicht so naturfern auf wie ein echtes Stadtkind, da wir in einem sehr grünen Viertel am Stadtrand wohnten, aber dennoch kam das Essen überwiegend aus dem Supermarkt und nur Milch und Fleisch kamen ab und zu mal vom Bauernhof. Aus dem Wald kam höchstens Bastelmaterial, das ich allerdings sterbenslangweilig fand, sobald es zu Hause auf dem Wohnzimmertisch lag.

Ich kannte zwar ungefähr die natürlichen Abläufe und Rhythmen, aber ich sah nicht ein, mich im Herbst für Dinge zu bedanken, die ich gar nicht so interessant fand. Vor allem wurde in meiner Grundschulzeit dieser Dank grundsätzlich mit irgendetwas Religiösem verbunden. Danken mussten wir natürlich Gott für all die guten Dinge, die für mich schon damals nichts mit Gott sondern viel mehr mit Natur und Evolution zu tun hatten. Ich fand also das Erntedankfest doof und ignorierte es bestimmt 25 Jahre lang vollständig. Erst in den letzten Jahren erkenne ich darin plötzlich einen Sinn.

Inzwischen treibe ich mich im Herbst auf Obstwiesen und unter Kastanien- und Nussbäumen herum, ich bin begeistert, wenn mir jemand fünf Kilo Weintrauben schenkt und ich kann es nicht fassen, wenn die nette Frau im Hofladen uns ein riesiges Stück bestes und ursprünglich irre teures, nur leicht überlagertes Fleisch für die Hunde mitgibt, weil irgendwer es bestellt und dann nicht abgeholt hat. Die Hunde bekamen letztendlich nur die Knochen und einen kleinen Teil des Fleischs, der absolut okaye Rest wanderte in ein wunderbares Boeuf Bourguignon für uns

Wir haben massenweise Äpfel und Esskastanien gesammelt. Die geschenkten Trauben werden hoffentlich bald zu Wein und wir hoffen auf eine große Ladung Walnüsse aus dem „Vorgarten“ eines lieben Menschen.

Natürlich hat es Sinn, all das zu feiern. Die Natur produziert so viele, so herrliche Dinge, die wir uns einfach nehmen können. So viele Obstbäume stehen unbeachtet in Gärten herum, bis alles Obst am Boden liegt und vergammelt. So viele Nüsse, Kastanien und Bucheckern liegen einfach auf dem Waldboden und niemand interessiert sich dafür. Das ist erstens Verschwendung und zweitens entgeht den Menschen so viel Genuss, wenn sie diese Dinge nicht nutzen. Natürlich kommen sie dann auch nicht auf die Idee, sich dafür zu bedanken. Aber wenn mensch erstmal in all diesen großartigen Geschenken geschwelgt hat, ist die Dankbarkeit beinahe ein Automatismus. Es ist einfach schön und diese Schönheit löst ein positives Gefühl aus: Dankbarkeit gegenüber der Natur, dem Zufall oder einfach dem persönlichen Glück.

Wir werden eine Erntedankparty feiern, mit Esskastanien, Kürbissuppe und Äpfeln, leider nur noch nicht mit unserem eigenen Wein. Anlässe für Parties kann mensch ja nie genug haben 🙂

2 Gedanken zu “Erntedank

  1. kommunikatz sagt:

    Unglaublich, selbst heute haben wir noch einen Rucksack voller Äpfel von unserem ausgedehnten offroad-Hundespaziergang mit nach Hause gebracht. Hinter einem abgeernteten Maisfeld gab es zwei Apfel- und mehrere Kastanienbäume, für die sich offenbar niemand interessiert. Die Kastanien lagen alle leicht angegammelt auf dem Boden – schade drum. Nächstes Jahr kommen wir wieder 🙂

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  2. kommunikatz sagt:

    So, gestern fand sie nun endlich statt, die Erntedankparty 🙂 Viele haben wegen allgemeinem Jahresendstress abgesagt, aber letztlich waren genau die Richtigen da, mit denen wir dann einen schönen, interessanten, lustigen, leckeren und sehr langen Abend hatten. Danke Euch allen! to be continued 🙂

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