Serendipity

Ich mag dieses Wort – und ich mag den Effekt, den es bezeichnet. Serendipity ist die ganz zufällige, ungeplante und unerwartete Entdeckung irgendeiner (wissenschaftlichen) Neuheit. Eigentlich ist es für mich aber viel mehr als das.

 

Ich bin ein großer Fan von Zufällen. Meiner Überzeugung nach sind Zufälle das einzige, was die Welt in Bewegung hält. Eine Andere Motivation für Ereignisse gibt es gar nicht, wenn mensch, wie ich, nicht an Schicksal, Karma, Gott oder Fügung glaubt. Alles ist Zufall, sieht mensch einmal von klar hormonell oder genetisch gesteuerten Prozessen innerhalb einzelner Individuen ab. Wie genau diese ablaufen und sich mit äußeren Ereignissen kombinieren, bringt dann aber doch wieder einen mächtigen Zufallsaspekt ins Spiel.

 

Zufall ist sehr spannend und bereichernd. Zumindest für mich fühlt sich die Gewissheit, dass nur der Zufall und ich selbst über mein Leben bestimmen, wie grenzenlose Freiheit an. Es mag Menschen geben, die ein durch wen auch immer vorbestimmtes Schicksal als eine Form von Sicherheit und Geborgenheit in einem großen Ganzen empfinden. Ich hätte mit dieser Vorstellung eher gewaltige Probleme, weil sie mir meine Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit bis zu einem gewissen Grad abspräche. Vorbestimmung, eine lenkende Gottesfigur und selbst Dinge wie Karma eliminieren nicht nur den Zufall sondern auch den eigenen Einfluss auf Ereignisse. Wenn alles vorbestimmt wäre oder wenn es Fügung gäbe, könnte mensch selbst überhaupt nichts bewirken – alles wäre vorgebahnt und klar.

 

Die Grenze zwischen simplem Zufall und echter Serendipity ist fließend. Ich habe schon häufiger erlebt, dass irgendein belanglos erscheinendes Ereignis sich kurz darauf als sehr nützlich und hilfreich herausstellte. Ein Beispiel ist die folgende Begebenheit. Wir waren mit dem Boot in einem Hafen und gingen mit den Hunden spazieren. Auf dem Spaziergang fanden wir ein kurzes aber in sich intaktes Stück Seil, das offenbar jemand weggeworfen hatte. Keine zwei Stunden später rettete uns dieses Seil, weil eine Befestigung des Großsegels während der Fahrt riss und das Seilstück sich perfekt zum reparieren der Stelle eignete.

 

Manchmal findet Mensch Gegenstände, trifft Personen oder erfährt Informationen, die einem kurz darauf wirklich weiterhelfen. Manchmal fügen Dinge sich zusammen, ohne dass es deshalb gleich Fügung sein muss. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, wie gut mensch darin ist, Zufälle zu nutzen und ihre Effekte in den Lauf der Dinge zu integrieren. Je besser mensch das kann und je offener mensch für Zufälle ist, desto mehr Freiheit und Inspiration bringen sie. Wir hätten dieses Seilstück gar nicht bemerken müssen. Und selbst, wenn mein Begleiter es gesehen hätte, hätte er es nicht aufheben müssen. Er tat das aber, gab es mir und ich band es mir um. Nur deshalb war es griffbereit, als wir auf dem Wasser waren und plötzlich eine Art Mini-Mastbruch erlitten.

 

Neugier und ein gewisser Spieltrieb, der uns dazu bewegte, das Seil mitzunehmen, retteten quasi unseren Tag. Manchmal ist das Leben wie ein Computerspiel, in dem mensch Gegenstände einsammeln und dann gezielt einsetzen muss. Solche Zufälle sind Geschenke. In diesem Bewusstsein fällt es gar nicht schwer, mit wachen Sinnen durch die Welt zu gehen und nach genau solchen Geschenken zu suchen. Der einzige Fehler, den mensch dabei vermeiden sollte, ist das interpretieren solcher Ereignisse. Sobald mensch damit beginnt, sehen nämlich alle für uns günstigen Zufälle wie gesteuerte und vorbestimmte Abläufe aus. Die Muster und Strukturen, die zu diesem Eindruck führen, bestehen aber ausschließlich in unseren Köpfen und sagen nichts über die tatsächlichen Gründe aus, warum ein Ereignis genau so und in genau dem betreffenden Moment eintritt.

 

Der Mensch ist auf Mustererkennung ausgelegt. Er sucht immer und überall nach Regeln und Strukturen, um seine Lebenswelt besser einschätzen und darin gezielter agieren zu können. Dennoch sind die Muster, die die Menschen zu erkennen glauben, sehr oft nichts als Fiktionen, aus denen viel ungutes, blockierendes und störendes Gedankengut entsteht. Religionen, Esoterik und Aberglaube sind Ergebnisse überinterpretierter Zufälle und einer krampfhaften Suche nach Mustern und Strukturen. Das Beste und Entspannendste was mensch in dieser Hinsicht tun kann, ist zu akzeptieren, dass es im Zufall keine Muster und Regeln gibt. Fügung und Schicksal sind Unsinn – es gibt nur Serendipity.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.