Gesellschaft ist toll, wenn nur all die Leute nicht wären…

Gestern war ich auf einem netten aber insgesamt eher unspektakulären Konzert – so weit, so egal. Eigentlich war die ganze Aachener Innenstadt voller Konzerte, weil gerade das September Special läuft, ein alljährlicher, entspannter Anlass für umsonst-und-draußen-Musik in Aachen. Ich war etwas müde und nicht übermäßig motiviert, in eine Partynacht zu starten, aber eigentlich war meine Laune nicht das Problem. Zum Problem wurde etwas ganz Anderes und ich kam ins Grübeln.

 

Es war Freitag Abend, das Wetter war schön, die Musik war nett, die Stimmung war gut, vielleicht etwas zu gut, vielleicht ist das aber auch normal. Die Leute waren lauter als die Band und stanken alle nach Parfüm, Waschmittel, Weichspüler und weiß der Henker nach was für viel zu intensiv bedufteten Körperpflegeprodukten. Ehrlich gesagt vermieste mir das den ganzen Abend. Ich konnte schon Konzerte, für die ich richtig viel Geld bezahlt habe, nicht genießen, weil zu große, zu laute, zu sehr stinkende Menschen um mich herum standen. Eines der sehr raren und an sich absolut großartigen Konzerte von Massive Attack, das ich Anfang dieses Jahres besucht habe, wurde auf diese Weise beinahe ungenießbar, was ich im Nachhinein immernoch sehr schade finde. Jetzt beim September Special war es nicht ganz so tragisch, aber es ärgert mich dennoch.

 

Geruchs- und geräuschempfindlich war ich immer schon. Vielleicht liegt das daran, dass mein Gehör und mein Geruchssinn für mich eine besondere Rolle spielen. In den letzten Jahren verstärkt sich dieser Effekt aber zusehens. Je leiser und aufmerksamer ich mich verhalte und je weniger ich stark duftende Produkte wie Seife, Shampoo, Waschmittel oder gar Parfüm an meinen Körper und meine Kleidung schmiere, desto mehr stört mich auch, wenn andere Menschen laut sind oder „duften“. Meine Nase wird immer empfindlicher, weil ich sie mit meinen eigenen Ausdünstungen immer mehr verschone. Selbst die manchmal wirklich stinkenden Hunde schaffen es offenbar nicht,  mich abzuhärten oder diesen Effekt umzukehren. Die Gerüche liegen einfach in einem zu anderen Spektrum.

 

Inzwischen bin ich dadurch so empfindlich, dass mir manchmal der Appetit auf Essen, die Lust an Musik oder überhaupt der Genuss einer gesamten Situation komplett vergeht. Und das nur, weil andere Menschen sich so extrem beduften und so laut reden, dass sie gar nicht merken, wie sehr sie damit in meine Privatsphäre eindringen. Die Schwelle, ab der etwas als störend wahrgenommen wird, ist unglaublich unterschiedlich. Und sie hängt – ganz natürlich – damit zusammen, woran jemand gewöhnt ist, was für ihn oder sie normal ist. Stehe ich ständig unter akustischem oder olfaktorischem Beschuss und bin komplett mit Geräuschen und Gerüchen ausgelastet, treten diese trotz ihrer hohen Präsenz irgendwann in den Hintergrund. Meine Sensoren bzw. das Gehirn, dass deren Signale verarbeitet, blenden die Wahrnehmungen einfach aus oder fahren sie zumindest auf ein erträgliches und nicht störendes Niveau herunter. Je weiter ich meine persönliche Schwelle aber senke, desto weniger wird ausgeblendet, desto intensiver und authentischer nehme ich die tatsächlichen Reize wahr und desto krasser und störender werden die massiv übertriebenen Reize, die heutzutage von der Mehrheit der hiesigen Menschen abgesondert werden. „Höher, schneller, weiter“ scheint sowohl in Bezug auf Geruch als auch in Sachen Radau eine beliebte Prämisse zu sein.

 

Bei Veranstaltungen wie Demos kann ich das mit dem Radau noch nachvollziehen – da geht es ja um öffentliche Aufmerksamkeit, die sich durch Lärm zweifellos gut erzeugen lässt. Trotzdem bin ich auch heute in Köln bei der TTIP-Demo zeitweise fast wahnsinnig geworden, weil drei bis vier verstärkte Schallquellen + massenhaft quasselnde Menschen gleichzeitig um mich herum plerrten, aber das war ok, weil es eben zum Konzept Demo dazugehört. Bei einem Konzert, das ich besuche, um der Musik zu lauschen, will ich aber halt eben genau das tun und nicht die Gespräche der umstehenden Leute oder ihr überkandideltes Geschrei hören. Und ich rieche lieber den natürlichen Geruch einer Person, als von einer Duftdampfwalze überrollt zu werden – vor allem, wenn diese Duftdampfwalze mich so benebelt, das sie auch die Wahrnehmungen auf anderen Sinneskanälen überlagert oder einschränkt.

 

Reizüberflutung ist so allgegenwärtig wie unnötig. Es reicht bzw. ist schlimm genug, dass der öffentliche Raum uns ständig mit Reizen überschüttet. Wir selbst sollten uns etwas mehr zurücknehmen, anstatt das Spiel mitzuspielen und eine Art Wettrüsten zu veranstalten, wer am meisten Lärm macht und am krassesten duftet. Seid einfach mal leise, nehmt einfach mal Eure Umgebung wahr. Und steht einfach mal zu Eurem Körpergeruch – er gehört viel mehr und viel echter zu Euch als irgendein Parfüm oder Deo. Ich habe es nicht empirisch untersucht und kann es nicht beschwören, aber meine Erfahrung deutet darauf hin, dass mensch deutlich weniger unangenehme Körpergerüche entwickelt, wenn mensch sich nicht dauernd übertrieben wäscht und anduftet. Und noch etwas: Ob Ihr einen Menschen im übertragenen Sinne wirklich riechen könnt und die Chemie stimmt, wisst Ihr nur, wenn Ihr sie oder ihn unverfälscht riecht. Nur das Parfüm einer Person zu mögen, reicht nicht für echte, erotische Anziehung.

 

PS: Der Titel dieses Beitrags ist eine Zeile aus dem Lied „Das Ende der Beschwerde“ von PeterLicht, das ich vor ein paar Jahren ohne derartige Störfaktoren live erleben durfte.

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