Lebenslanges Lernen mal anders

Wenn ich über mein Leben nachdenke, habe ich den Eindruck, mich ständig zu steigern und zu verbessern. Das ist nicht in jedem Lebensbereich der Fall, im Bereich meiner persönlichen Zufriedenheit aber allemal. Ich wachse an jeder Erfahrung, die ich mache. Es gibt keine falschen Entscheidungen oder negativen Ereignisse, weil aus allem, was ich tue oder was mir passiert, irgendein Lerneffekt oder Erfahrungsgewinn entsteht. Im Zweifel lerne ich zumindest, etwas in Zukunft nicht mehr oder anders zu machen – meistens lerne ich aber noch viel mehr. Ich begebe mich sehr gerne in Situationen, die meinen Horizont erweitern und meine Grenzen ausloten, denn in genau solchen Situationen lerne ich sehr viel über mich selbst. Wie reagiere ich auf Extreme? Wie gehe ich mit bestimmten Gefühlen um, was passiert überhaupt mit und in mir, wenn ich verschiedene Dinge erlebe?

 

Erfahrungen sind spannend und lehrreich. Daraus folgt, das ich mit zunehmendem Alter und zunehmender Lebenserfahrung fast zwangsläufig an mir selbst arbeite, mich selbst immer besser kennen- und verstehen lerne, immer besser auf Situationen und Menschen reagieren kann und mich so tatsächlich in meiner Persönlichkeitsentwicklung und Zufriedenheit immer weiter steigere. Ich freue mich daher über jedes Jahr, das ich älter werde. Solange ich bewusst mit all den Lern- und Entwicklungschancen umgehe, die mein Leben mir bietet und die ich gerne annehme, kann ich davon nur profitieren und gewinnen. Ich freue mich sogar über den größten Mist, den ich baue, und im Nachhinein auch über traurige und schlimme Ereignisse, da sie mir Gelegenheiten geben, mich zu hinterfragen und mein Verhalten zu beobachten.

 

Ich verändere mich mit jedem Erlebnis, das ich habe, mit jeder Umgebung, in der ich mich aufhalte und Dinge wahrnehme, mit jedem Menschen, auf den ich treffe, mit jeder Interaktion, auf die ich mich einlasse und jeder Beziehung, die ich eingehe. Wenn ich flexibel und aufmerksam bleibe, entwickele ich mich weiter und verbessere meinen Umgang mit mir selbst und mit den Menschen um mich herum. Das ist ein wunderbarer Prozess, denn er bringt das Gefühl mit sich, das ich eingangs beschrieb: Es geht immer nur bergauf, es fühlt sich immer so an, als wäre der aktuelle Zustand der beste, den es jemals gab. Und der Schluss liegt nahe, dass es so weitergeht. Mir stehen also eigentlich keine Gefahren und Bedrohungen sondern nur Chancen und Erkenntnisse bevor. Rückschritte kann es gar nicht geben, denn einmal gewonnene Erkenntnisse und einmal erlangte Fortschritte gehen nicht wieder weg – mensch kann nicht hinter das Erreichte zurücktreten, genauso wie mensch keine Handlung und kein Ereignis rückgängig machen kann.

 

Trotz der Unumkehrbarkeit kann ich mich so auch viel leichter auf Situationen einlassen, in denen Dinge schiefgehen können oder in denen ich mich allgemein ängstlich oder unsicher fühle. In dem Bewusstsein, dass auch eine negative Erfahrung mich weiterbringt, kann ich mich gelassen und zuversichtlich in brenzlige Situationen begeben. Früher hatte ich oft das Gefühl, die Welt würde quasi untergehen, wenn in einer bestimmten Sache irgendein Detail nicht klappt. Ob das das Stranden an einem mir unbekannten Ort war, das Missglücken eines öffentlichen Auftritts oder das Blackout in einer Prüfung – alles machte mir Angst. Diese Angst war zeitweise so existenziell, dass ich mich an viele Projekte und Aktivitäten gar nicht herantraute. Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas schiefging, ich mich blamierte oder irgendeine Katastrophe ausbrach, schien mir erdrückend groß. Mit der Einstellung, dass ein Scheitern oder ein unerwarteter Verlauf neue, interessante Aspekte bringt und es dadurch eigentlich erst so richtig spannend wird, ist diese Blockade beinahe ganz aus meiner Welt verschwunden.

 

Natürlich kann das Gefühl der ständigen Verbesserung auch eine Autosuggestion sein, weil mensch generell dazu neigt, sich die aktuelle Lebenssituation schönzureden. Daran ist erstmal nichts Schlechtes, es handelt sich um einen reinen Überlebensmechanismus. Mensch muss Entscheidungen vor sich selbst rechtfertigen, mit der eigenen Lebenslage Frieden schließen und sich mit den Bedingungen arrangieren, die mensch selbst nicht ändern kann. Insofern wäre es meinem Eindruck nach perfekt logisch, wenn alle Menschen denken würden, dass ihr Leben immer auf dem aufsteigenden Ast ist. Bei manchen Menschen wäre es wirklich so, bei anderen wäre es eine Art Selbstschutzbehauptung, bei wieder anderen wäre es möglicherweise auch eine gefährliche Selbsttäuschung, die irgendwann zurückschlüge. Der Mechanismus wäre ein unterschiedlicher, das Ergebnis wäre aber für den Moment vergleichbar, solange das Konstrukt nicht in sich zusammenfiele.

 

Es haben aber erstaunlich wenige Menschen das Gefühl einer Verbesserung. Ich vermute, das hängt oft mit der fehlenden Lern- und Veränderungsbereitschaft dieser Menschen zusammen. Manche hatten vielleicht auch einfach nie die Chance, diesen offenen und reflektierenden Umgang mit sich selbst und ihrer Umwelt zu lernen, so dass mensch ihnen keinen Vorwurf machen kann. Ich muss offen, neugierig und bereit zu Veränderung und Kompromissen sein, sonst bin ich gar nicht in der Lage, etwas aus meinen Erfahrungen zu ziehen. Wenn ich denke, dass ich mit meinem Entwicklungspotential fertig bin, dass es nichts zu verbessern gibt und dass an allen negativen Dingen ergo die Anderen schuld sein müssen, lerne ich nichts und entwickele mich wirklich nicht mehr weiter. So ziehe ich mich selbst zwar elegant aus der Affäre, weil ich die Verantwortung für alle Missstände auf andere Menschen abschiebe, aber erstens macht diese Sichtweise mich verbittert und zweitens wird mein Umgang mit den bösen Anderen dadurch nicht gerade wertschätzender und rücksichtsvoller.

 

Ich möchte daher alle, die mein Blog lesen, zu mehr Flexibilität im Denken, mehr Neugier und Offenheit aufrufen – nur so habt Ihr die Chance auf den Hauptgewinn des Lebens! Das Gefühl, dauernd irgendwie über sich selbst – also das bisherige Selbst – hinauszuwachsen, ist selbstbelohnend. Es tut gut und ist so einfach, wenn mensch sich darauf einlässt. Außerdem ist mensch viel zufriedener, wenn auch die anderen Menschen um einen herum zufrieden sind – was sie mit großer Wahrscheinlichkeit sind, wenn ich gut mit ihnen umgehe.

2 Gedanken zu “Lebenslanges Lernen mal anders

  1. nihaojulia sagt:

    Ja diesen Gedanken hatte ich auch vor Kurzem. Mein Verhaltensmuster war eigentlich immer bei einer neuen Situation oder Aufgabe erstmal Panik zu schieben. Ich habe das Gefühl, dass mit dem Alter und Erfahrungen eine gewisse Gelassenheit einsetzt. Man hat so viel erlebt, gemeistert (was man vorher nicht gedacht hatte) oder aus falschen Entscheidungen gelernt. Da ich von jeder Erfahrung lernen kann, ist eine negative Erfahrung nicht mehr eine furchtbare Vorstellung vor der man Angst haben müsste.

    Gefällt 1 Person

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