Good is better than perfect

Diesen Sommer hat sich für mich endgültig bestätigt, dass es sinnlos ist, Perfektion anzustreben. Ich habe den schönsten Urlaub meines  bisherigen Lebens verbracht, und zwar, weil ich mich komplett auf Zufälle und Spontanität verlassen habe.

 

Mein Urlaub bestand darin, drei Wochen lang mit zwei Hunden und einem Mann auf einem kleinen, traditionell holländischen Segelboot von Maastricht aus die Maas entlang zu tuckern. Geplant und organisiert war so gut wie nichts, wir sind einfach losgefahren. Unterwegs kristallisierte sich das grobe Ziel heraus, irgendwann dort anzukommen, wo Maas und Rhein sich treffen. Manchmal haben wir in Häfen übernachtet, aber nur, wenn wir Strom, Wasser oder Lebensmittel brauchten – ab und zu ein freies WLAN und eine Dusche, einmal eine Waschmaschine, alles Andere ergab sich. Meistens sind wir einfach auf einem netten Baggersee oder Seitenarm des Flusses vor Anker gegangen und haben dort den Abend und die Nacht verbracht, mitten in der Natur. Die Hunde haben ihre Schwimmkünste verfeinert und Stöcke gejagt, wir sind morgens vor dem ersten Kaffee oder einfach zwischendurch ins Wasser gestiegen – danach habe ich mich manchmal sauberer gefühlt als nach dem Duschen. Die ersten Tage fuhren wir unter Motor, später sind wir, wenn der Wind günstig war, einige Etappen auch gesegelt. Das Boot ist im Südwesten Hollands zu Hause – hier kommt es her und für diese Gegend ist es gebaut. Wir sind unter Segeln auf der Amer in Richtung Biesbosch und ein paar Tage später wirklich durch Hollands Diep gefahren. Und es war einfach wunderbar.

 

Aber warum war es so wunderbar und warum waren meine Urlaube in der Vergangenheit nie so? Die Antwort ist einfach und eigentlich kannte ich sie schon die ganze Zeit, aber jetzt wurde sie ein weiteres Mal bestätigt.
Früher waren meine Urlaube und eigentlich alles, was ich getan habe, durchgeplant und von vorne bis hinten strukturiert. Es war klar, wann mensch wo hin fährt oder geht, was dort gemacht wird, wie sich das anfühlen soll und was sich daraus ergibt. Alles war detailliert durchdacht und vorbereitet, damit bloß nichts schiefging und alles perfekt klappte. Wenn ich auf das, was für einen bestimmten Tag vorgesehen war, gerade aber keine Lust hatte, musste ich den Plan trotzdem durchziehen, allein schon, um am nächsten Tag dort ansetzen zu können, wo ich am Vortag aufgehört hatte oder das anstehende Pensum von was auch immer abzuarbeiten. Wenn meine Gefühle, das Wetter oder Mitreisende die Pläne durchkreuzten oder die eigentlich als interessant und erholsam gedachten Unternehmungen anstrengend und ärgerlich machten, war ich fest davon überzeugt, Schuld zu sein und nicht richtig zu funktionieren, denn Urlaub muss mensch ja genießen. Durch diesen selbst auferlegten Druck wurde das Genießen aber erst recht unmöglich. Ich hatte immer sehr hohe Erwartungen und wollte, dass ganz bestimmte Dinge auf eine ganz bestimmte Art passieren. Natürlich passierten sie aber nicht oder eben ganz anders, als ich sie mir dachte. Das Verhalten von Menschen, die mit mir unterwegs waren, interpretierte ich grundsätzlich als Beweis für mein Nichtfunktionieren und als Kritik an meiner Person. Die Pläne und Erwartungen anderer Menschen machten mir mindestens so viel Stress wie meine eigenen, meist vollkommen unbewussten Mechanismen der Selbstsabotage.

 

Und das galt nicht nur für Urlaube. Ich habe mir schon große Lebensereignisse und zahllose kleine Glücksmomente durch falsche und zu hohe Erwartungen versaut. Ich war viel zu beschäftigt mit meiner eigenen Inszenierung, um wirklich etwas wahrnehmen und genießen zu können. Irgendwann vor ein paar Jahren wurde mir dieser Zusammenhang klar und ich ließ die Planerei und die langen Vorbereitungen sein. Es war ein Prozess, aber irgendwann gab es einen Punkt, an dem es einfach klappte und ich wirklich spontan und unbefangen agieren konnte. Ab diesem Punkt inszenierte ich mich nicht mehr und malte mir Dinge, die ich erleben wollte, nicht mehr vorher en Detail aus, um sie vorzubahnen und dann doch nicht zu erleben. Dinge passierten einfach, ich nahm sie wahr und baute sie ein – so entstanden und entstehen die schönsten Erlebnisse ohne jeden Druck. Erwartungen sind gar nicht möglich, weil spontan passierende Dinge per se unerwartet und überraschend sind. Ihr Wert liegt in ihrer Zufälligkeit und genau dadurch werden sie so besonders und schön.

 

Der Urlaub war eine beinahe lückenlose Aneinanderreihung schöner Zufälle und ungeplanter Schönheiten. Es gab dinge, von denen ich hätte genervt sein können, aber ich war es nicht, weil sie eben einfach dazugehörten und jeder banale Moment für sich seine Schönheit hatte. Es gab Wünsche, aber keine Erwartungen, deshalb gab es auch keine Enttäuschungen, wie ich sie sonst immer sehr zuverlässig selbst heraufbeschworen habe. Manchmal muss ich mich noch einfangen und bremsen, wenn ich doch zu planen beginne und mich dann über nicht funktionierende Pläne oder unkooperative Drittvariablen ärgere. Aber das merke ich sehr bewusst und bekomme es meist recht schnell in den Griff.

 

Sich einfach treiben zu lassen, ohne enttäuschbare Erwartungen und durchkreuzbare Pläne, in einer Umgebung, die Überraschungen und Zufälle bereit hält – das ist offenbar zumindest für mich das ideale Urlaubskonzept. Und ich bin glücklich über jede Bestätigung, dass ich es offenbar schaffe, meine über Jahrzehnte perfektionierte Selbstsabotage zu besiegen.

 

PS: Der Titel dieses Beitrags ist eine Zeile aus dem Lied „Man of a thousand faces“ der großartigen Künstlerin Regina Spektor.

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3 Gedanken zu “Good is better than perfect

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