There’s no such thing as love

Ich weiß, eine kühne Behauptung. Aber ich glaube das wirklich. Es gibt kein Ding wie Liebe. Jedenfalls gibt es nicht ein Ding, auf das dieser Begriff dezidiert zutrifft und das dadurch trennscharf von anderen Dingen oder Konzepten unterschieden werden kann. Vielmehr ist Liebe ein Sammelbegriff für so unglaublich viele verschiedene Konzepte, dass es sich im Grunde verbietet, sie alle unter einem Oberbegriff zusammenfassen zu wollen. Es ist ein bisschen so wie der Oberbegriff Nahrungsmittel, der zwar seine Daseinsberechtigung hat, für den konkreten Fall aber komplett nutzlos ist. Einer Vegetarierin ist mit diesem Begriff nicht geholfen, genauso wie einem Veganer oder einer aus Glaubensgründen auf irgendwelche speziellen Speisen festgelegten person. Der Begriff Nahrungsmittel sagt nämlich nichts über die nötigen Differenzierungen aus. Deshalb kämen wir niemals auf die Idee, ihn abschließend und als fertige Definition für irgendwas zu verwenden. Nur ausdifferenziert ist er informativ – das leuchtet jedem Menschen ein

 

Ähnlich ist es bei Liebe, nur dass diese abstrakte Oberkategorie ganz anders betrachtet und verwendet wird. Das Wort umfasst mindestens so viele unterschiedliche Konzepte und Möglichkeiten wie Nahrungsmittel, aber es wird dennoch als selbstverständlich feststehender Begriff benutzt, als wäre damit alles gesagt und als gäbe es ein klares, unstrittiges Konzept dahinter. Dabei kann mensch nichtmal behaupten, Liebe wäre innerhalb eines Individuums statisch. Nichtmal innerhalb einer Lebensphase von vielleicht wenigen Monaten ist Liebe ein gleichbleibender Gefühlszustand. Sie ändert sich laufend, jede konkrete Liebe besteht aus ganz unterschiedlichen Aspekten und fühlt sich ganz unterschiedlich an. Auf wen oder was richtet sie sich? Mit welchen Wünschen und Bedürfnissen ist sie verbunden? Welche vermeintlichen Ansprüche oder Erwartungen leiten sich daraus ab? Keine zwei klassischen Liebesbeziehungen sind von den tatsächlichen Emotionen her miteinander vergleichbar – wie soll das erst aussehen, wenn es unkonventioneller wird oder wenn auf der in alle Richtung offenen Gefühlsskala platonische, freundschaftliche, intellektuelle, erotische, elterliche, kindliche, gegenständliche oder örtliche Liebe einbezogen werden? Woher wissen Menschen, die den Begriff Liebe benutzen, dass sie über das gleiche Konzept sprechen? Sie wissen es nicht, solange sie ihre eigenen Gefühle nicht hinterfragen, analysieren und ausdifferenzieren. Liebe ist immer ein auszuhandelndes Ding. Es muss klar sein, was jede*r Einzelne damit meint. Und jede*r Einzelne hat die Freiheit, ein Gefühl Liebe zu nennen oder das nicht zu tun, auch wenn das Gefühl vielleicht objektiv betrachtet ähnlich aussähe – wenn denn überhaupt eine objektive Betrachtung von Gefühlen möglich wäre.

 

Aber ein abstraktes Konzept kann niemals objektiv vergleichbar sein. Genauso, wie mensch nicht wissen kann, ob die Farbe Blau, die sie oder er sieht, sich genauso anfühlt und manifestiert wie die Farbe Blau, die eine andere Person sieht, kann mensch auch nicht wissen, ob das Gefühl, das jemand Liebe nennt, sich bei dieser Person genauso anfühlt wie bei ihr oder ihm selbst. Der Begriff ist so allgemein und nichtssagend, dass er nutzlos ist. Er drückt im Grunde nichts ausßer Hilflosigkeit aus. Hilflosigkeit oder Faulheit – jedenfalls eine massive, unzulässige Verkürzung und Verallgemeinerung von etwas höchst Individuellem.

 

Bei der Farbe Blau haben sich die Menschen darauf geeinigt, ihre Wahrnehmungen mit einem bestimmten Begriff zu vereinheitlichen – egal, wie einheitlich sich das Konzept Blau in den Köpfen darstellt. Es gibt einigermaßen allgemeingültige Konnotationen und Ideen zu dem Begriff Blau, wie den Himmel an einem wolkenlosen Tag, Wasser, Kühle, Ruhe etc. Solche Konnotationen gibt es auch zu dem Begriff Liebe. Aber was sagen diese Konnotationen aus? Sind sie so allgemeingültig und unschädlich wie bei Farben? Bei Farben ist es hilfreich, dass die Menschen sich auf einfache Begriffe einigen. Bei Gefühlen ist es das nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten und jeden weiteren Blick ist es sehr gefährlich. Diese Verkürzung sorgt nämlich für eine unglaubliche Menge ungeklärter und unbemerkter Missverständnisse. Menschen denken, sie sprechen über das selbe Konzept, reden aber in Wirklichkeit oft komplett aneinander vorbei. Eine Person meint vielleicht freundschaftliche, platonische Nähe, die nächste Person meint erotisches Begehren, die dritte meint einen intellektuellen Gleichklang oder die Übereinstimmung von Überzeugungen. Und nun? Alles passt in die Oberkategorie Liebe, nicht nur, wenn es gebündelt auftritt, sondern auch, wenn es einzeln für sich steht. Aber wenn diese Personen nur den Oberbegriff verwenden, verstehen sie sich nicht. Oder – noch schlimmer – sie missverstehen sich unbemerkt und glauben, sie sprächen über das gleiche Ding. Dann entstehen widersprüchliche, widerstreitende Erwartungen. Solange diese nicht ausgesprochen werden, fällt das Missverständnis aber erst auf, wenn es zu Unzufriedenheit und Konflikten kommt.

 

Das unreflektiert verwendete Wort Liebe führt immer auf ein vermintes Terrain. Es gibt nicht die eine, wahre, definierte Liebe sondern ein riesiges, weites Feld von positiven Gefühlen, die ein Mensch gegenüber einem anderen Menschen, einem Tier, einem Gegenstand, einem Ort, einer Situation, einer Atmosphäre oder einem anderen Gefühl empfinden kann. Den Oberbegriff Liebe zu verwenden, kann höchstens ein Behelf sein. Ohne Ausdifferenzierung bleibt es Faulheit. Mit Ausdifferenzierung hat der Begriff eine Daseinsberechtigung und auch eine gewisse Aussagekraft, aber diese liegt dann eigentlich in der Ausdifferenzierung und nicht in der überflüssigen Sammelkategorie.

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